Manchmal reicht ein Blick auf unsere Garderobe, und ich weiß, wie es mir geht. Wenn die Jacken in zwei Reihen hängen, die Schuhe kreuz und quer stehen, auf der Bank Mützen, Handschuhe und Spielzeug liegt und irgendwo noch ein Karton vom letzten Wochenende lehnt, brauche ich gar keinen Achtsamkeitscheck mehr. Ich sehe meine innere Unruhe deutlich vor mir.
Vielleicht kennst du das: Die Arbeitsplatte ist voll, obwohl du doch „immer mal eben“ aufräumst. Der Esstisch ist Büro, Bastelplatz und Ablage in einem. Du würdest gern Besuch einladen, aber allein der Gedanke stresst dich.
Und dann kommt dir dieser Satz in den Kopf: „Mein Zuhause spiegelt mein inneres Chaos. Wo soll ich bitte anfangen?“
In diesem Artikel erzähle ich dir, wie Raum und Psyche zusammenhängen, weshalb eine einzige Zone als Startpunkt reicht und wie du mit kleinen Schritten merklich mehr Ruhe in Raum und Kopf bringen kannst.
Was Studien über den Zusammenhang von Chaos und Psyche sagen
Tatsächlich gibt es mehrere Studien aus der Umwelt- und Raumpsychologie, die zeigen, dass Menschen, die ihre Wohnung als „unordentlich, voll, chaotisch“ beschreiben, häufiger von Stress, Müdigkeit und gedrückter Stimmung berichten (Room to Think). Auch das Horten von vielen Dingen ohne klaren Platz soll im Zusammenhang mit geringerer Lebenszufriedenheit und einem schwächeren Gefühl von „Zuhause-Sein“ stehen. (Room to Think). Hinzu kommt, dass Faktoren wie Licht, Lärm, Enge, Farben und Möblierung nachweislich Einfluss nehmen auf unser Stresslevel und unser Wohlbefinden. (mentalhealthpromotion.net)
Das heißt im Umkehrschluss, dass es einen Grund hat, warum ich regelrecht gestresst und unzufrieden bin, wenn ich das Chaos auf dem Flur sehe. Gleichzeitig fällt es mir unendlich viel schwerer Ordnung zu halten, wenn ich gestresst bin.
Ein ziemlich uncharmanter Kreislauf. Wirklich.
Wichtig: Die Studien zeigen Zusammenhänge. Sie sagen nicht: „Unordnung macht dich depressiv.“
Dem Kreislauf Unordnung – Stress – Unordnung entfliehen
Diesem Kreislauf zu entkommen ist alles andere als leicht. Vor allem nicht, wenn du es nicht allein bist, die über Chaos und Ordnung entscheidet, sondern wenn du eine Familie oder einen Partner und Tiere hast, die ebenfalls dazu beitragen, wie ordentlich – oder eben unordentlich – es bei dir zu Hause ist.
Ich neige dazu, immer alles zu dramatisieren und groß zu denken. ALLES ist chaotisch, ALLES muss jetzt aufgeräumt und geputzt werden. Hallo Überforderung, Hallo Prokrastination!
Was mir mehr hilft sind kleine, gezielte Veränderungen im Raum. Und das zeigen auch Studien, kleine Schritte können messbar dazu beitragen, dass du dich ruhiger und handlungsfähiger fühlst. Die Forschung spricht hier von „restorativen“ Umgebungen, also Räumen, die eher Kraft geben, statt sie zu ziehen.
Was Aufräumen mit deiner inneren Ruhe zu tun hat
Vielleicht fragst du dich jetzt, ob eine aufgeräumte Ecke im Flur wirklich einen Unterschied macht.
Meine Erfahrung: ja. Zum einen hat Aufräumen mit Selbstwirksamkeit zu tun (ein Grund, warum ich im Zweifelsfall auch immer einmal zum Staubsauger greife). Und dann stresst mich Chaos, das ja mit sehr vielen Reizen einher geht, enorm. Allerdings bin ich was das angeht auch recht sensibler, deutlich sensibler als der Rest meiner Familie… Und die Forschung stützt mein Empfinden zumindest teilweise.
- Wenn eine Umgebung als stimmig, ruhig und „unter Kontrolle“ wahrgenommen wird, berichten Menschen häufiger von Erholung und weniger Stress. (PMC)
- Kram und Zeug dagegen wird mit einem Gefühl von Dauerbaustelle, Überforderung und Aufschieben in Verbindung gebracht. (Room to Think)
„Du bist nicht komplett im Chaos. Hier ist ein Anfang.“
Und diese Botschaft ist gerade dann wichtig, wenn innerlich viel los ist.
Typische Gedankenfallen – und wie du sie entschärfst
Wenn du ähnlich tickst wie ich, kommen beim Thema ordentliches Zuhause schnell Sätze hoch, die dich eher blockieren als dir helfen.
„Bei anderen sieht es nie so aus“
Du kennst sie: die perfekten Küchen auf Instagram, die Wohnzimmer ohne Kabel, die Kinderzimmer, in denen anscheinend nie jemand spielt.
Realität:
- Was du auf Instagram und Pinterest siehst, sind Sekunden-Ausschnitte.
- Vieles ist gestellt, bearbeitet, vorbereitet.
- Niemand filmt die Ecke hinter der Tür, wo alles hingeworfen wurde, kurz bevor die Kamera aufnimmt.
Und mal ehrlich: Wenn du spontan bei anderen vorbeikommst, siehst es dort auch nicht so aus, wie es aussieht, wenn du angekündigt vorbeikommst. Diese Erkenntnis war für mich wichtig. So banal das klingt.
„Wenn ich anfange, muss ich alles fertig machen“
Nein. Du musst nicht die ganze Wohnung umkrempeln, nur weil du heute die Flurecke in Angriff nimmst. Setz dir stattdessen einen Zeit-Rahmen:
- 15–30 Minuten Timer
- eine Aufgabe
- danach ist Schluss. Wirklich.
Wenn du im Flow bist, kannst du weitermachen. Aber dein Erfolg und vor allem dein Wert hängt nicht davon ab.
„Ich bin einfach ein chaotischer Mensch“
Vielleicht stimmt es, dass du nicht von Natur aus die ordentlichste Person bist. Ich auch nicht. Aber das ist keine feste Identität, sondern zum großen Teil Gewohnheit, Energielevel (!!!), Lebensphase und Fremdbestimmung. Und mal ganz ehrlich: Wenn zu deiner Familie Kinder und Tiere gehören, du arbeitest und Hobbies und/oder ein Sozialleben hast, wird es einfach nie so aussehen wie bei kinder- und tierlosen Menschen, die die meiste Zeit des Tages außer Haus sind (und in der Zeit das Haus nicht schmutzig machen) und danach viel Zeit haben, den wenigen Schmutz zu beseitigen….
Statt „Ich bin chaotisch“ hilft:
„Ich bin jemand, der lernt, wie er sich eine ruhigere Umgebung bauen kann.“
Das ist viel näher an der Wahrheit – und lässt Veränderung zu.
Ich lebe auf einem alten Resthof. Hier ist das Zusammenspiel von Innen und Außen besonders spürbar:
- Im Winter schleppe ich Matsch, Heu und gefühlt den halben Garten ins Haus.
- Im Sommer explodiert der Garten und drinnen türmt sich die Wäsche.
- Dazu kommen Job, Familie, Termine – das volle Programm.
Und wenn mir das alles zu viel wird, krieg ich n Rappel und denk, alles mus aufgeräumt werden, bei uns ist Chaos pur.
Warum du smart in Räumen und nicht in Haus denken solltest
Unsere Psyche kann „alles auf einmal“ oft aber gar nicht verarbeiten. Unser Gehirn liebt überschaubare Aufgaben – genau das nutzen wir aus. Bei der Arbeit mache ich das auch, wenn es um größere Projekte und Themen geht, und beim Training mit den Pferden lebe und lehre ich das ebenfalls: abstrakte Großprojekte runterbrechen auf kleine konkrete Aufgaben und Schritte. Das hält die Motivation hoch, weil es viel mehr Erfolgserlebnisse im Sinne von „geschafft“ gibt.
Ich selbst liebe, liebe, liebe to-do-Listen. Zum einen helfen sie mir dabei, meine Gedanken zu sortieren, zum anderen geben sie mir einen Motivationsschub, wenn einen Haken hinter eine Aufgabe machen kann.
Wenn ich merke, das mir alles zu viel wird, mache ich mir eine solche Liste – auf Papier oder bei kleinen Dingen im Kopf – und gestalte sie fast smart.
Kennst du SMART?
Mit der SMART-Methode kannst du konkete Ziele festlegen und kontrollieren, ob du sie erreicht hast. Ganz kurz zusammengefasst. Ich liebe SMART im Zusammenhang mit dem Pferdetraining, nutze es aber auch so sehr viel. SMART bedeutet: spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch, terminiert.
Ich sagte ja, ich arbeite fast smart. Das heißt, ich arbeite nicht alles so detailliert aus, spezifiziere die einzelnen Punkte aber. Statt also zu sagen „heute räume ich auf“, sage ich:
Heute…
- räume ich die Garderobe auf.
- sortiere ich die Wintersachen weg.
- sauge ich den Flur.
- räume ich Arbeitsplatte neben der Spüle auf.
- räume ich die Ecke neben dem Sofa auf.
- sortiere ich gelesene Bücher ins Bücherregal ein.
- usw.
Die große Aufgabe wird also klein, konkret und überprüfbar. Sind die Bücher einsortiert? Ist der Flur gesaugt? Und jedes „Check“ motiviert. Außerdem kannst du dir dann auch sagen, das, was ich heute nicht schaffe, mache ich an Tag xyz. Somit hast du eine neue Terminierung getroffen. Auch das entlastet ungemein, weil du es aus dem Kopf hast und weißt, wann du es erledigen wirst.
Solange das äußere Chaos vorhanden ist, ist auch inneres Chaos vorhanden. Um anzufangen, mehr Ordnung reinzubringen, frag dich:
„Wo sehe ich mein inneres Chaos am deutlichsten und laufe gefühlt 100 Mal am Tag dran vorbei?“
Ein weiterer Tipp, den ich dir an dieser Stelle geben möchte, ist, dass du dich zurücknimmst und versuchst, die Situation objektiv zu betrachten. Im Zweifelsfall machst du einfach ein Foto.
- Was sehe ich? (Gegenstände, Stapel, Farben, Dreck, Leere)
- Was nervt mich am meisten?
- Wie soll diese Ecke sein, damit es mir besser geht, wenn ich sie anschaue (ruhiger, übersichtlicher, heller, …) Dies kann dir dabei helfen zu entscheiden, was bleiben darf und was nicht.
Wenn es dann ans Aufräumen geht nimm jeden Gegenstand in die Hand und frag dich: „Brauche ich das hier in dieser Zone wirklich?“ „Wofür ist genau diese Zone da?“
Wohnst du allein, ist das natürlich viel einfacher als wenn du mit deiner Familie zusammenlebst. Denn nur weil ich denke, etwas gehört nicht in diese Zone, denken mein Mann oder mein Sohn ganz anders darüber. Hier gilt es Kompromisse zuzulassen – übrigens schreibe ich darüber auch in meinem Text Warum Ordnung zu Hause nicht automatisch ruhiger macht.
Funktionale Kompromisse sind wichtig
Funktionale Kompromisse sind übrigens super wichtig, weil du sonst aus dem Kreislauf Chaos – Stress – Chaos nicht rauskommst.
Ich versuch dir das anhand der Küche zu erklären: Die Küche dient uns neben kochen, essen und schnacken auch Start- und Zielort. Sie ist meist der Raum, den wir als erstes betreten und oft auch als letztes verlassen. Und mein Kompromiss mit der Küche ist: Der Schlüsselbund meines Mannes ist zwischen Feierabend und Aufbruch zur Arbeit okay, Briefe, bis sie bearbeitet/wegsortiert auch. Prospekte – eher nein. Und Kinderspielzeug (mein größter Stressor) darf eine kurze Weile bleiben, muss dann aber weggeräumt werden. Ganz ehrlich: Der Stress, dass es weggeräumt wird ist, höher als es dort zu sehen…
Kleine Strukturen schaffen
Um zu verhindern, dass das Chaos sofort wieder da ist und dich stresst, braucht es ein paar Strukturen:
- ein konkreter Platz für das Spielzeug
- eine Schale für Schlüssel
- ein Stapel für die Post
- eine Kiste für Mütze, Schal, Handschuhe
- ein Korb neben dem Sofa für Zeitschriften
- usw.
Nichts Großes, nichts Pinterest-Perfektes. Nur so viel Struktur, dass du im Alltag weniger denken musst.
Bist du bereit? Dann lass uns loslegen, unser inneres und äußeres Chaos in Ordnung zu bringen. Aber denk immer dran: Dein Zuhause ist kein Showroom, sondern eine lebendige Umgebung. Es darf benutzt, belebt und auch mal chaotisch sein.

Wenn inneres Chaos mehr ist als „nur Unordnung“
Ein wichtiger Punkt zum Schluss: Manchmal steckt hinter dem Gefühl „Mein Zuhause ist chaotisch“ mehr als Routinen und Aufräumtechniken – zum Beispiel:
- anhaltende Erschöpfung
- depressive Phasen
- Überforderung durch Care-Arbeit, Job, mentale Last
- gesundheitliche Einschränkungen
Aufräumen kann unterstützen, ist aber kein Ersatz für ärztliche oder therapeutische Hilfe. Wenn du merkst, dass du immer wieder an denselben Punkt kommst, nichts mehr schaffst, viel weinst oder dich dauerhaft leer fühlst: Hol dir Unterstützung. Dein Wert als Mensch hängt nicht daran, wie dein Flur aussieht.
Wenn du magst, erzähl mir gern: Welche Zone in deinem Zuhause schreit am lautesten nach Aufmerksamkeit – und was wäre dein Zielgefühl dort?
Und hier noch ein Buchtipp, der mir sowohl für mein Business als auch für mein Zuhause sehr geholfen hat:
- Kondo, Marie(Autor)
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