Manchmal spüren wir Unruhe, ohne zu wissen, warum. Zumindest mir geht es so. Ich bin dann nicht gestresst im klassischen Sinn, ich bin aber innerlich aufgekratzt, unkonzentriert, schnell genervt und unruhig. Mir fällt das vor allem dann auf, wenn ich durch unser Haus gehe und merke: Da stehen zu viele Dinge herum. Zu viele Stapel, zu viele halb angefangene Projekte, zu wenig Luft dazwischen. Dann bin ich wie elektrisiert.
Unser Körper reagiert darauf, lange bevor wir es „logisch“ einordnen. Dein Nervensystem nimmt Reize auf – Formen, Farben, Licht, Geräusche – und entscheidet im Hintergrund: Ist hier eher Entspannung oder Alarm?
Was Unordnung mit deinem Nervensystem macht
In der Umweltpsychologie wird seit Jahren untersucht, wie Räume auf uns wirken. So wurde beispielsweise herausgefunden, dass visuelle Reizüberflutung (also sehr volle, unruhige Umgebungen) als belastend und anstrengend erlebt wird, während klare, geordnete Räume eher als beruhigend und erholsam wahrgenommen werden.
Um das herauszufinden, musst du aber keine Studien lesen. Du merkst es, wenn du nach einem langen Tag in einen chaotischen Raum gehst – oder in einen, in dem du atmen kannst.
Man geht heute davon aus, dass das autonome Nervensystem dabei eine Rolle spielt:
- Der „Aktivierungsmodus“ (Sympathikus) hilft dir, aktiv, wach und handlungsfähig zu sein.
- Der „Beruhigungsmodus“ (Parasympathikus) unterstützt Regeneration, Verdauung, Schlaf.
Sehr viel Reiz, sehr viel Durcheinander, sehr viel „offene Schleife“ im Raum kann dein System eher in Richtung Anspannung schieben und den Sympathikus aktivieren (kleine Eselsbrücke: Sympathikus beginnt genau wie Stress mit S). Es muss mehr sortieren, filtern, ausblenden. Das kostet Energie – oft ohne dass du es bewusst wahrnimmst.
Das heißt nicht, dass du in einem leergefegten beigen Minimalismus-Loft leben musst, auf keinen Fall! Aber es macht einen Unterschied, ob dein Blick irgendwo zur Ruhe kommen kann oder eher nicht.
Lesetipp: Unsere Sinne: Warum Wahrnehmung die Grundlage von Orientierung, Sicherheit und innerer Ruhe ist
Äußere Einfachheit heißt nicht „perfekt aufgeräumt“
Wenn ich von „Einfachheit“ spreche, meine ich nicht sterile Räume, perfekt gefaltete Handtücher und Farbcodes im Bücherregal (wobei ich die farblich sortierten Bücherregale tatsächlich sehr hübsch, gleichzeitig aber auch furchtbar unpraktisch find).
Was ich damit meine ist vielmehr:
- Dinge, die da sind, weil sie gebraucht oder geliebt werden.
- Flächen, auf denen dein Blick ausruhen kann.
- Ecken, die nicht schreien „mach mich fertig“, sondern sagen „hier darfst du einfach sein“.
Auf unserem Resthof ist nichts „fertig“. Es gibt Staub, Baustellen und Stapel. Und das schon seit einigen Jahren. Und ich habe sehr deutlich gemerkt, wie wichtig es (für mich) ist, Inseln der Klarheit und Ruhe zu haben: ein sortierter Schreibtisch, ein Sofa ohne Spielzeug, ein Fußboden ohne Tierhaare.
Diese Inseln wirken auf mein Nervensystem wie kleine Atempausen.
Und ich kann dir sagen: Das eine Jahr, in der wir unser Obergeschoss saniert haben und alles durcheinander, schmutzig und vollgestellt war, hat mich wahnsinnig belastet. Ich bin einfach nicht richtig zur Ruhe gekommen, weil es keinen „Ruheraum“ gab.
Kleine Schritte, die sofort etwas verändern
1. Such dir einen Blick, nicht einen Raum.
Geh durch das Haus oder die Wohnung und schau genau dort hin, wo dein Blick jeden Tag landet: Küchentresen, Nachttisch, Schreibtisch.
Nimm dir dann 5–10 Minuten (nicht mehr, stell dir gern einen Wecker) und räum nur diesen Bereich auf. Beobachte, wie dein Körper dadurch aufatmen kann.
2. Achte auf deinen Atem.
Nicht bewerten, nur beobachten: Wird dein Atem flacher, wenn du Chaos siehst? Wird er ruhiger, wenn Fläche sichtbar wird? Das ist dein Nervensystem in Echtzeit.
3. Mach es dir leichter, nicht schöner.
Stell Dinge da hin, wo du sie wirklich brauchst – nicht dahin, wo es auf Fotos gut aussieht. Je weniger dein Gehirn suchen und entscheiden muss, desto weniger Stressreize gibt es.
4. Licht nutzen, nicht dekorieren.
Tageslicht beeinflusst nachweislich unsere Wachheit und Stimmung. Zieh die Gardine auf, stell nicht alles vor die Fensterbank, lass Licht auf Holz, Stoff oder Wand treffen. Nicht perfekt, nur klarer.
5. Ein kleines Feierabend-Ritual einführen.
Gewöhn dir ein Mini-Ritual an, bevor du ins Bett gehst: räum eine Oberfläche frei, stell deine Tasse weg, atme einmal durch. Nicht als Pflicht, sondern als Signal an deinen Körper: Hier ist genug Ordnung, damit du loslassen darfst.
Dein Raum als stiller Verbündeter
Ich glaube nicht, dass wir uns „wegaufräumen“ können von allem, was uns belastet. Aber ich erlebe jeden Tag, wie sehr Räume mitregulieren – uns hineinziehen in Hektik oder uns helfen, wieder runterzukommen.
Innere Ruhe entsteht selten nur im Kopf.
Oft beginnt sie bei dem, was du jeden Tag siehst und berührst: eine aufgeräumte Fläche, ein klarer Tisch, eine Ecke, die nicht will, dass du etwas tust, sondern dass du ankommst.
Vielleicht brauchst du heute keinen neuen Vorsatz. Vielleicht reicht es, einen kleinen Ausschnitt deines Raumes ruhiger zu machen – und zu spüren, was das mit dir macht.

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