Gärtnern Nervensystem ankommen

Reset für das Nervensystem: Warum wir beim Gärtnern endlich wieder bei uns ankommen

Träumst auch du zwischen Business-Calls und dem ganz normalen Alltagswahnsinn auch von Hochbeeten und einem Gewächshaus für den Gemüseanbau? Drehst du mit deiner besten Freundin mit einer Tasse Kaffee in der Hand eine Runde durch den Garten um zu schauen, was wo wächst und sich verändert hat? Was wir (Millenials) früher als Inbegriff der Spießigkeit – oder zumindest als langweiliges Hobbie von Oma, Opa, Mama, Papa – belächelt haben, ist heute zum neuen Statussymbol einer Generation geworden, die eigentlich alles digital im Griff hat. Und gleichzeitig ist das Gärtnern mein – und vielleicht auch dein – wichtigstes Tool für mentale Gesundheit. Genau darum geht es jetzt.

Bei mir kam der Wandel zur #gartenliebe mit Anfang/Mitte 30 nach der Hochzeit, dem ersten Hauskauf und der Geburt unseres Sohnes. Wobei ich sagen muss, dass ich aus einer Gartenliebe-Familie komme, selbst aber nie viel mit dem Garten an sich zu tun hatte. Was ich aber immer mochte war die Arbeit in den Selbstversorgerställen, ich habe dort total gern rumgetüddelt und es den Pferden (noch) schöner gemacht.

Seit wir aber 2021 unseren Resthof gekauft haben, liebe ich es wirklich, Maus und Tastatur gegen meine Lieblingsschaufel zu tauschen und im Garten rumzubutschern. Und wie oft lasse ich alles stehen und liegen, nur um kurz die Hände in die Erde zu stecken und ein paar unbeliebte Unkräuter zu zupfen und mich über gut wachsende Blumen zu freuen.

Und nein, es ist kein Zufall, dass uns die Liebe für den Garten und für die Natur in einer Lebensphase packt, in der das Außen oft so laut und fordernd ist, dass unser Innenraum kaum noch zu Wort kommt.

Warum ich die Schaufel dem Smartphone mittlerweile vorziehe

Bei Raum im Fluss dreht sich für mich alles um Wahrnehmung. Aber mal ehrlich, wie viel nehmen wir in unserem digitalen Alltag noch wirklich wahr? Und mit wie viel meine ich wie viele unterschiedliche Reize… Wir wischen über glatte Glasflächen, sitzen von 9/5 am Schreibtisch mit Maus und Tastatur und starren in künstliches Licht. Wir verschieben Pixel und schicken E-Mails ins Leere. Am Ende des Tages haben wir dann zwar vieles von unserer überfrachteten todo-Liste geschafft, aber nichts davon ist für uns greifbar, weil wir nichts angefasst haben. Wir gehen also mit vollen Köpfen in den Feierabend, während sich unsere Sinne seltsam leer anfühlen.

Gärtnern ist hierzu die radikale Gegenbewegung.

Wenn ich im Garten bin und ein neues Beet anlege oder ein Steckholz in die Erde drücke, schließe ich einen analogen Vertrag mit der Natur. Hier gibt es kein Strg+Z. Diese Selbstwirksamkeit und diese beruhigende Reizwahrnehmung, ist der Anker, den ich brauche, wenn mein (hochsensibler) Kopf mal wieder absolut reizüberflutet ist.

Was im Garten passiert, nennt sich sensorische Regulation. Dahinter steckt die Fähigkeit unseres Nervensystems, einströmende Sinnesreize so zu verarbeiten und zu filtern, dass wir weder durch Überflutung gestresst noch durch Unterforderung abgestumpft werden. Es wird vielmehr ein Zustand innerer Balance hergestellt, der uns hilft, handlungsfähig zu bleiben. Dein Körper bekommt Rückmeldung: Da ist etwas. Du hältst etwas. Du bist irgendwo. Für ein Nervensystem, das den halben Tag mit abstrakten Aufgaben beschäftigt war, ist das wahnsinnig wertvoll.

Wir müssen uns nur daran erinnern, seit wann es unser Nervensystem gibt und seit wann wir in der digitalen Welt leben. Ich denke, da wird deutlich, wie sehr wir heute unser uraltes Nervensystem über- und unterfordern.

Im Garten hingegen riecht die feuchte Erde nach Geosmin – einem Stoffwechselprodukt von Bodenbakterien. Diesen Geruch kennt dein Körper seit sehr langer Zeit. Er hat ihn mit Nahrung verknüpft, mit bewohnbarem Land und somit mit etwas, was Sicherheit suggeriert. Und dann kommt noch ein Bodenbakterium namens Mycobacterium vaccae hinzu, das beim Einatmen die Serotoninproduktion anregen soll.

Kleiner Wissenseinschub: Das Hormon Serotonin entscheidet als einer der zentralen Botenstoffe (Neurotransmitter) darüber entscheidet, wie wir die Welt um uns herum wahrnehmen und emotional bewerten. Serotonin sorgt als „Emotions-Regler“ für innere Ruhe, Gelassenheit und Zufriedenheit. Es trägt als chemische Vorstufe von Melatonin zum Schlaf-Wach-Rhythmus bei, hat Einfluss auf unser Schmerzempfinden und vieles mehr. Man kann sagen: Serotonin ist das Fundament für unsere psychische Belastbarkeit und sorgt dafür, dass unser „Innenraum“ stabil bleibt, auch wenn es im „Außenraum“ stürmt. Und wenn du zum Beispiel wegen Depression oder Angststörung ein Medikament verschrieben bekommst, ist es häufig ein SSRI, ein Serotonin-Wiederaufnahmehemmer. Er sorgt dafür, dass mehr Serotonin über einen längeren Zeitraum zur Verfügung steht und die Signale besser übertragen werden, was die Stimmung stabilisiert und Ängste löst. Dies ist der der Grund, warum ich mich mit Serotonin mehr beschäftigt habe.

Was ich an mir und meiner Familie beobachte, seit wir auf unserem Hof leben: Wir werden ruhiger, sobald wir anfangen, draußen zu arbeiten. Aber das, was ich dir erzähle und was viel auf eigener Erfahrung beruht, ist durchaus auch wissenschaftlich erforscht. Zahlreiche Studien belegen die positive Effekten von Gärtnern auf das Nervensystem, insbesondere was die Stressreduktion und die Verbesserung unserer Stimmung betrifft. Kernmechanismen sind hier sinkende Cortisolwerte, steigende Serotonin-Spiegel und eine parasympathische Aktivierung, ähnlich wie Yoga. Im Vergleich zu Yoga soll gärtnern aber dank der Multisensorik (Geruch, Berührung, Bewegung) noch effektiver sein. Und auch wenn viele Studien zu diesem Thema eher klein sind, wird gärtnern mittlerweile sogar konkret in Therapien empfohlen (z. B. bei Demenz oder PTBS)

Tipp: Vielleicht ist mein kostenloses Workbook „Zurück zu dir“ mit Wahrnehmungsübungen etwas für dich. Du erhältst es, wenn du dich für meinen Newsletter anmeldest.

Nachhaltigkeit fängt im Innenraum an


Gärtnern in der „Lebensmitte“, wie man so schön zum Alter rund um die 40 sagt, ist also kein Zeichen des „Altwerdens“. Vielmehr ist es so, dass wir bewusst – oder unbewusst – erkennen, dass wir ein biologisches Wesen sind, das Rhythmen und diese Verbindung zur Erde und zur Natur braucht, um in unserer digitalen High-Speed-Welt, in der zumindest ich mich beruflich bewege, nicht durchzubrennen und den Kontakt zu uns selbst zu verlieren. Wir besinnen uns also wieder auf unsere Wurzeln, auf das, wo wir Menschen eigentlich herkommen. Wir nehmen den Rhythmus der Jahreszeiten intensiver wahr: Im Frühjahr beginnt das Leben zu erwachen, im Herbst zieht es sich zurück und im Winter ist Pause.

Und so, wie wir unsere Außenräume, also unser Zuhause und unsere Gärten, gestalten, ist immer ein Spiegelbild unserer Innenräume. Wenn ich lerne, meinen Garten achtsam und nachhaltig zu gestalten, lerne ich gleichzeitig, meine eigenen Ressourcen, das heißt meine Energie und meine Zeit, besser zu verwalten. Und gleichzeitig schaffe ich für mich einen Raum, in dem ich mich wohl, geborgen und sicher fühle. Für mich bedeutet das, dass ich unseren Garten naturnah und insektenfreundlich gestalte, weil dieser Raum nicht nur mir dient, sondern auch den vielen, vielen Lebewesen, die sich mit uns diesen Planeten teilen. Zudem beruhigt mich das Brummen der Hummeln, das Summen der Bienen und das Zwitschern der Vögel ungemein!

Biologische Achtsamkeit: Dein Nervensystem im Garten-Modus

Ich schaue mir das Gärtnern also nicht nur durch die grüne Gartenbrille an, sondern betrachte es gern auch in Hinblick auf uns. Während uns das endlose Scrollen auf Instagram mit Dopamin füttert und das Stresslevel subtil nach oben jagt, ist der Garten für mich der Ort, an dem diese Anspannung abfließen darf.

Wenn ich im Frühling den Duft von Flieder und im Herbst den Duft von feuchter Erde einatme, die Bienen summen höre oder das Kitzeln der Gräser an den Armen spüre, ist das pure Nervensystemregulation. Meine Sinne weiten sich, weg vom starren Fokus, hin zur Umgebung. Und gleichzeitig holt mich diese körperliche Reizwahrnehmung raus dem Kopf direkt rein in den Körper.

Außerdem lehrt uns das Gärtnern radikale Langsamkeit – eine Sache, die ich wirklich mühsam lernen musste. Wir leben heute in einer Welt der Sofort-Verfügbarkeit. Aber meine Pfingstrosen beispielsweise lassen sich nicht durch Upgrades beschleunigen. Sie blühen, wenn sie bereit sind. Diese radikale Geduld der Natur zu beobachten und vor allem zu akzeptieren, nimmt auch mir den Druck, immer „fertig“ sein zu müssen.

In der Natur gibt es kein Fertigsein, es gibt nur Werden und Vergehen, Wachstum und Rückzug. Und all dies in einem konstanten Fluss. Diese Akzeptanz von organischen Prozessen stabilisiert dein Mindset massiv. Und weißt du was? Meine Freude darüber, als die Pfingstrosen zwei, drei Jahre nach dem Pflanzen das erste Mal geblüht haben, war riesig und hat mich glücklich gemacht!

Dein Garten als Co-Therapeut

Betrachte deinen Garten gern als stets verfügbaren Co-Therapeut und Mentor. Du lernst dort Resilienz, den Umgang mit Rückschlägen (Hallo, Schneckenplage, Hallo Dürrsommer), den Fokus auf das Wesentliche und du erdest dich du all die natürlichen Reize, die dein Sinnessystem wahrnehmen kann.

Verabschiede dich am besten jetzt sofort von dem Gedanken, dass du den perfekten Vorzeigegarten haben musst. Vergleich deinen Garten nicht mit dem Garten der vielen Garteninfluencerinnen auf Instagram, denen auch ich folge und auf die ich oft neidisch blicke. Wir alle haben unterschiedliche Lebensmodelle und wenn du Vollzeit arbeiten gehst und Kinder hast, ist es schwer, den perfekten Vorzeigegarten zu haben – und überhaupt, perfekt gibt es nicht. Mach dich mit dem Gedanken vertraut, dass es ausschließlich darum geht, sich selbst in seinem Garten und damit in seinem Außenraum wiederzufinden.

Mein Impuls für dich: Leg dein Smartphone weg, geh raus in den Garten, in den Park oder in den Wald und gönn deinem Nervensystem diesen Moment der Stille. Spür die Erde unter deinen Fingernägeln, atme den Duft der Blüten oder der Erde und erlaube dir, einfach nur da zu sein und wahrzunehmen. Du musst dort draußen nichts beweisen. Dir nicht und niemandem sonst.

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