Hand streicht durch hohes Gras und dazu der Text: Dein Gehirn braucht deine Hände - Warum wir das Begreifen in der digitalen Welt verlernen.

Dein Gehirn braucht deine Hände: Warum wir das „Begreifen“ in der digitalen Welt verlernen


Es ist kein Zufall, dass wir sagen, „wir begreifen etwas“ oder „wir haben es erfasst„, wenn wir etwas verstehen. Oder dass wir „jemandem etwas begreiflich machen„, wenn wir etwas erklären. Die deutsche Sprache weiß etwas, das wir in unserem automatisierten, digitalisierten und viel zu oft völlig überfrachteten Alltag oft vergessen haben: Denken und Anfassen gehören zusammen, weil motorische Handlungen und Wahrnehmungsprozesse eng miteinander verbunden sind.

In dem Wort begreifen steckt, dass wir uns unsere Umwelt aktiv aneignen und auf sie einwirken.

Und das fängt schon ganz früh an. Bevor ein Kind unsere gesprochenen Wörter versteht, greift es. Es nimmt Dinge in den Mund, dreht sie um, lässt sie fallen. Auf diese Weise lernt es und eignet sich aktiv etwas an.

Das Gehirn lernt, indem es Sinnesreize aufnimmt, sortiert und zu einem sinnvollen Bild zusammensetzt. Die Entwicklungspsychologin Jean Ayres beschrieb diesen Prozess der Reizaufnahme und Reizverarbeitung in dem von ihr entwickelten Konzept der Sensorischen Integration (darüber habe ich auch viel in meinem Buch Sensomotorisches Pferdetraining geschrieben, weil dieser Aspekt der Ergotherapie im Rahmen der Pferdeergotherapie auf das Pferd übertragen werden kann).

Ein Kind, das einen Apfel in der Hand hält, lernt nicht nur die Optik eines Apfels kennen. Es erfährt, dass sich ein Apfel glatt, kühl, schwer anfühlt, süß riecht und beim Reinbeißen süß oder sauer, hart oder weich und saftig sein kann. Ohne diese sensorischen Erfahrungen würde das Wort Apfel irgendwie leer sein.

Ich bin sehr glücklich darüber, dass auch unser Sohn mit diesen Erfahrungen, aufwachsen darf. Sie prägen ungemein.

Warum wir Erwachsenen das Anfassen verlernen

Das klingt für dich nach Kindheitspädagogik? Ja, da hast du Recht.

Aber es ist deutlich mehr als das, denn auch als Erwachsene begreifen wir besser, wenn wir etwas anfassen dürfen. Ich hatte mal eine Kollegin, deren Lieblingssatz lautete „Wer schreibt, der bleibt“. Und bis heute zitiere ich sie sehr gern. Denn Wissen, das z.B. visuell oder auditiv aufgenommen und gleichzeitig motorisch dargelegt wurde, ist einfach viel besser im Gehirn abgelegt.

Schreiben ist jetzt ein banales Beispiel, das sich auf unendlich viele Dinge übertragen lässt.

Bei uns auf unserem Resthof mitten im nirgendwo erleben wir die Bedeutung von begreifen auch immer wieder intensiv: Wir leben hier viel mehr im Einklang mit den Jahreszeiten – einfach weil wir sie und die mit ihnen verbundenen Änderungen so viel bewusster wahrnehmen. Im Winter ist Ruhe und Rückzug, im Frühling erwacht hier alles zum Leben und die Arbeit beginnt. Ist es im Sommer zu heiß oder zu nass, gibt es keine gute Ernte und es ist schwer, genug Heu für die Ponys zu bekommen.

Oder die gesamte Sanierung unseres Hofes, bei der wir sehr, sehr viel selbst gemacht haben bzw. machen. Durch unser aktives Tun und das Anfassen von Dingen, begreifen wir, wie Dinge funktionieren, warum manche Dinge komplizierter sind als man denkt und wie viel Arbeit in anderen Dingen steckt, von denen man denkt, die “macht man mal so nebenbei”.

Ein letztes Beispiel: Ich habe meinen Sattel verkauft, weil ich schon seit über einem Jahr aus Gründen nicht mehr reite. Ich habe sehr, sehr lange darüber nachgedacht, weil es schon ein großer Schritt ist. Am Ende habe ich mich aber gefreut, als ich einen Käufer gefunden hatte. Ich habe sogar schon überlegt, ob ich das Geld in eine Fortbildung oder ein Gewächshaus investieren sollte. 😉

Gestern habe ich den Sattel in den Versandkarton getan und als ich abends beim Füttern den leeren Sattelschrank gesehen habe, tat mir meine Entscheidung wahnsinnig weh, weil sie sich irgendwie wie ein Abschied von etwas anfühlte, das mein Leben lang Teil von mir war. Auch hier, das Begreifen kam erst durch das aktive Handeln.

Durch unser aktives Handeln, nehmen wir Einfluss – auf unsere Umwelt (unsere Außenräume) und unser Empfinden (unser Innenraum). Dadurch verstehen wir vieles besser.

Ein riesiges Problem unserer Zeit ist aber, dass wir aufhören, uns aktiv unsere Umwelt anzueignen. In unserem digitalisierten Alltag fällt das echte Greifen häufig weg. Wir tippen, wir wischen und wir scrollen und die Oberfläche, die unsere Finger stundenlang berühren, ist immer dasselbe glatte, lauwarme Glas. Und ganz egal, ob es eine Nachricht ist, ein Einkauf oder die Arbeit: die haptische Rückmeldung, die wir erhalten, bietet null Widerstand, null Textur und null Gewicht.

Da ist es kein Wunder, dass wir uns völlig lost fühlen und den Eindruck haben, wir hätten keinerlei Einfluss mehr auf das, was um uns herum passiert und in einer steten Anspannung, einem Gefühl von Angst und damit mit sehr viel (chronischem) Stress leben.

Gleichzeitig werden wir pausenlos mit visuellen Reizen überladen. Unser Auge bekommt mehr Reize als je zuvor in der Menschheitsgeschichte, während der Rest unseres Körpers nur noch einen Teil der Reize erhält, die er noch vor 20, 30 Jahren wahrnehmen durfte.

Du kannst dir das Nervensystem in deinem Körper vorstellen wie ein Wegenetz. Wege, die häufig genutzt werden, werden mit der Zeit immer breiter und verwandeln sich in Datenautobahnen. Wege, die nicht genutzt werden, wuchern zu und sind irgendwann nur noch kaum sichtbare Trampelpfade, auf denen das Vorankommen mühsam und langsam vonstatten geht.

„Ich spüre meinen Körper nicht mehr“: die Folgen von Reizüberlastung

Unser digitaler Alltag ist das eine Problem. Ein anderes Problem betrifft unsere Bewegung. Viele von uns verbringen einen Großteil des Tages sitzend. Wir sitzen auf dem Sofa, am Schreibtisch oder im Auto – immer in derselben Haltung, häufig stundenlang. Das propriozeptive System, das uns sagt, wie unser Körper im Raum steht, braucht Bewegung und Widerstand. Wer sich selbst zu wenig spürt, verliert nach und nach die gesunde Körperwahrnehmung.

Viele Frauen beschreiben genau das: ein diffuses Gefühl, nicht richtig da zu sein. Den eigenen Körper nicht mehr zu spüren und sich selbst irgendwie abhanden gekommen zu sein. Aufgrund von Stress, Überlastung und zu wenigen und einseitigen Reizen.

Kleiner Tipp: Ich arbeite aktuell an einem Audiokurs zu eben diesem Thema, der im Sommer 2026 erscheinen wird. In dem Kurs lernst du, wie du wieder mehr ins wahrnehmen kommst und gleichzeitig dein Stresslevel und dein Nervensystem regulierst. Wenn es dich interessiert, trag dich gern in meine E-Mailliste ein oder folge mir auf Instagram, dann bist du auf jeden Fall informiert, sobald der Kurs verfügbar ist.

Hinzu kommt unsere Ernährung: Fastfood und weiche Fertiggerichte müssen von uns weder „kleinteilig“ gekocht noch richtig gekaut werden. Und selbst kleine Kinder, für das so wichtig ist, lernen Obst vor allem als Mus in Form von Quetschies und Gemüse als Babybrei kennen. Auch das ist sensorische Verarmung, denn der Mund ist eines unserer sensibelsten taktilen Organe.

Das Ergebnis aus all dem ist eine fatale Gleichzeitigkeit: Reizüberlastung auf dem visuellen Kanal und extreme Reizarmut auf allen anderen. Unser Nervensystem ist damit strukturell überfordert.

„Effort-Driven Rewards Circuit“

Der Neurobiologe Kelly Lambert prägte den Begriff des „anstrengungsgetriebenen Belohnungssystems“. Unser Gehirn ist evolutionär darauf programmiert, tiefe Befriedigung und neuronale Ruhe zu empfinden, wenn wir mit unseren Händen physische Ergebnisse erzielen. Wenn wir nichts mehr greifen und fassen, fehlt uns dieser „Kick“.

Lesetipp: Hier erzähle ich ausführlicher über unsere Sinnessysteme: Unsere Sinne: Warum Wahrnehmung die Grundlage von Orientierung, Sicherheit und innerer Ruhe ist

Begreifen fängt mit Greifen an. Das war schon immer so. Wir dürfen es nur wieder lernen.

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