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Reizüberflutung im Gehirn durch digitale Informationsflut: Wie Erfahrungen unsere Wahrnehmung beeinflussen

Hast du manchmal das Gefühl, dass dir die Decke auf den Kopf fällt, wenn du durch deine Social-Media-Feeds scrollst, Nachrichten liest oder E-Mails beantwortest? Keine Sorge, damit bist du nicht allein. Ich zum Beispiel kenne das auch sehr gut. Und viele andere Frauen auch. Denn: Wir leben in einer Zeit, in der die digitale Welt regelrecht aus allen Nähten platzt.

Die digitale Informationsflut: Warum unser Nervensystem überfordert ist

Ein Blick auf die nackten Zahlen zeigt die Dimensionen: Laut iwd wurden 2017 weltweit rund 26 Zettabyte an Daten erstellt, erfasst, kopiert und konsumiert. Bis 2027 soll diese Menge auf rund 284 Zettabyte steigen Quelle. Ich habe vor der Recherche für diesen Beitrag nicht gewusst, dass es Zettabyte gibt. Ich kannte bisher nur Gigabyte und Terabyte. Ein Zetabyte sind 1 Milliarde Terabyte. Krass, oder? In nur einem Zettabyte lassen sich etwa 250.000 Billionen digitale Fotos speichern.

Heute sind wir einer enormen Menge an Informationen ausgesetzt: Nachrichten, Videos, soziale Medien, Podcasts, Bücher und digitale Inhalte konkurrieren ständig um unsere Aufmerksamkeit. Und die eigentliche Herausforderung unserer Zeit ist nicht der Zugang zu Informationen, sondern ihre Überfülle. Wenn wir heute Medien nutzen, müssen wir fortlaufend auswählen, filtern und priorisieren, um in der Informationsflut nicht unterzugehen.

Unser Gehirn und Nervensystem sind nicht dafür ausgelegt, permanent eine derart große Menge an Informationen zu verarbeiten. Sie sind vielmehr auf wechselnde, begrenzte Reize ausgelegt und nicht auf dauerhafte Informationsüberflutung. Die heutige Reiz- und Informationsflut fordert unsere Aufmerksamkeits- und Regulationssysteme sogar so stark, dass Überforderung, Erschöpfung und Konzentrationsprobleme wahrscheinlicher werden.

Wie schafft es unser Gehirn, bei diesem digitalen Dauerfeuer nicht zu kollabieren? Die Antwort liegt in der Psychologie der Wahrnehmung. Unser Gehirn nutzt einen ganz persönlichen Filter: unsere Erfahrungen.

Psychologie der Wahrnehmung: Das Gehirn braucht einen Erfahrungsfilter

Ein physikalischer Reiz ist erstmal für uns alle gleich. Lichtwellen treffen auf das Auge, Schallwellen auf das Ohr, chemische Moleküle auf die Riechzellen. Bei der reinen Reizaufnahme ist der menschliche Körper noch ziemlich berechenbar.

Doch sobald die Informationen, die durch den Reiz wahrgenommen wurden, im Gehirn ankommen, ist es vorbei mit der Objektivität. Angesichts der gigantischen Informationsflut muss dein Gehirn radikal aussortieren. Das tut es dauerhaft und gänzlich unbewusst. Hier kommt deine Vergangenheit ins Spiel:

  • Die Auswahl: Dein Gehirn filtert sekündlich Millionen von Datenbits. Welche Information es überhaupt in dein Bewusstsein schafft, hängt stark davon ab, was du in der Vergangenheit als wichtig erlernt hast. Vermeintliche Gefahren sind immer präsenter abgespeichert, als schöne Momente – klar, es geht in der Situation auch um dein Überleben. Darüber schreib ich übrigens hier in meinem Beitrag, warum wir immer das Negative sehen.
  • Die Bewertung: Im Gedächtnis gespeicherte Erlebnisse bestimmen sofort, ob wir einen Reiz als gut oder schlecht, sicher oder gefährlich einstufen. Und entsprechend wird dann – möglicherweise – die ganze Stresstirade mit Hormonen usw. in Gang gesetzt.

Ein klassisches Beispiel: Während der Duft eines Bratapfels bei mir wohlige Kindheitserinnerungen auslöst, wird dir vielleicht übel, weil du dir in der Vergangenheit einmal den Magen damit verdorben hast. Der Reiz (der Duft), den wir wahrnehmen, ist also identisch. Die Konsequenz, die das Gehirn in Gang setzt, ist durch unsere persönlichen Erfahrungen aber komplett entgegengesetzt.

Der Erfahrungsfilter im Gehirn bestimmt, welche der Millionen täglichen Sinnesreize ins Bewusstsein dringen. Er basiert auf vergangenen Erlebnissen und dient als biologischer Schutzmechanismus gegen Reizüberflutung.

Der Weg vom Reiz zur Reaktion. Biologischer Filterprozess in 3 Schritten

Wie läuft dieser Filterprozess im Detail ab? Die moderne Wahrnehmungspsychologie unterteilt den Weg von der Umwelt bis zu unserer Reaktion in ein klares, mehrstufiges System:

1. Die Reizaufnahme über unsere Sinnesorgane

Unsere Sinne sind die Antennen, die die Außenwelt einfangen. Unser Körper verfügt überall über verschiedene Sensoren und Rezeptoren, die die unterschiedlichen Reize wahrnehmen. Dazu gehören:

  • Visuelle Reize: Videos, Texte, Bilder (Sehen)
  • Akustische Reize: Musik, Benachrichtigungstöne, Stimmen (Hören)
  • Taktile Reize: Das Tippen auf dem Smartphone, das Streicheln des Ponys, die Kleidung auf der Haut (Tasten/Berührung)
  • Vestibuläre Reize: Unser Gleichgewichtssinn, Schwerkraft, lineare Beschleunigung und Winkelbeschleunigung
  • Propriozeptive Reize: Die Tiefensensibilität (Körperwahrnehmung im Raum, Muskeltonus, Muskellänge, Stellung des Gelenks)
  • Olfaktorische Reize: Gerüche
  • Gustatorische Reize: Geschmack

Lesetipp: Unsere Sinne: Warum Wahrnehmung die Grundlage von Orientierung, Sicherheit und innerer Ruhe ist

2. Die Verarbeitung im Gehirn (der Erfahrungsfilter)

Sobald die Reize das Gehirn erreichen, startet der entscheidende Schutzmechanismus gegen die Informationsflut:

Zunächst wird der Reiz für einen Sekundenbruchteil im sensorischen Gedächtnis registriert.

In dieser kurzen Zeitspanne gleicht das Gehirn den neuen Reiz mit bereits gespeichertem Wissen ab und trifft eine Auswahl: Relevantes wird weitergeleitet, der Rest fällt durch den Filter.

Das, was am Ende übrig bleibt, wird anschließend mit Emotionen und Erinnerungen verknüpft und bekommt dadurch erst seine eigentliche Bedeutung.

Wahrnehmung ist also nie neutral, sondern immer schon gefärbt von dem, was wir bereits erlebt haben.

3. Der Impuls und die körperliche Reaktion

Aus dieser individuellen Interpretation entsteht ein Impuls für die Reaktion. Das Gehirn sendet Befehle an den Körper, was zu einer Reaktion (z. B. einer motorischen Handlung wie dem Wegklicken eines Beitrags oder einem Lächeln, oder einer hormonellen Reaktion und Angst, Stress und Anspannung) führt. Diese Handlung wirkt wiederum direkt zurück auf unsere Umwelt – der Kreislauf, der auch Regelkreis der Wahrnehmung genannt wird, schließt sich.

Wir sehen die Welt nicht, wie sie ist, sondern wie wir sind

Dass unsere Erfahrungen die Wahrnehmung so stark beeinflussen, ist eine biologische Notwendigkeit, um in der heutigen Informationsflut zu überleben. Ohne diese radikale Filterung und emotionale Bewertung wären wir im Alltag komplett reizüberflutet.

Wenn du das nächste Mal mit jemandem aneinandergerätst, weil ihr eine Situation, ein Video oder eine Nachricht völlig unterschiedlich bewertet, denk daran: Eure Gehirne nutzen einfach nur unterschiedliche Erfahrungswerte aus der Vergangenheit, um die Datenberge von heute zu bewältigen.

Was dabei oft übersehen wird: Dieser Filterprozess läuft nicht folgenlos ab. Jede Bewertung als „Gefahr“ oder „Stress“ aktiviert unser autonomes Nervensystem und unser Körper schaltet in den Alarmzustand, auch wenn objektiv keine reale Bedrohung vorliegt.

Bei einer Dauerbelastung durch Reize, wie wir sie heute erleben, bleibt das Nervensystem entsprechend häufig im Sympathikus-Stress-Modus hängen, statt zurück in die Erholung zu finden. Genau das erklärt, warum sich viele von uns trotz objektiv „sicherer“ Umgebung dauerhaft angespannt, erschöpft oder überreizt fühlen.

Reizüberflutung durch Social Media: Warum Instagram und TikTok unser Nervensystem dauerhaft stressen

Bei Instagram kommt aber ein zweiter Effekt hinzu: Der Feed liefert nicht einfach Reize, sondern gezielt solche, die dein Bewertungssystem sicher als relevant einstuft. Gesichter, soziale Vergleiche und emotional aufgeladene Bilder sprechen genau die Mechanismen an, die dein Gehirn aufgrund evolutionärer Erfahrungen als überlebenswichtig einstuft. Deshalb kann der Filter gar nicht anders, als permanent anzuspringen. Dein Filter im Gehirn prüft und bewertet alles und das Problem hierbei ist die Menge an Reizen, die alle gleichzeitig als bewertungswürdig markiert werden.

Dein Nervensystem bewertet beim Scrollen nicht nur einmal, sondern quasi bei jedem Bild neu – und dies in einem Sekundenbruchteil. Jede dieser Mikro-Bewertungen kostet Energie. Anders als bei einem einzelnen Duft oder Geräusch gibt es beim Scrollen kaum Pausen zwischen den Reizen, in denen dein System zur Ruhe kommen könnte.

Auf Dauer kann diese fortlaufende Bewertungsarbeit zu einer Belastung werden, die dein Nervensystem eher im Anspannungsmodus hält. Wie stark dies jeweils ausgeprägt ist, hängt natürlich von deiner Nutzungsdauer und deiner individueller Verarbeitungsfähigkeit ab. Hochsensible Menschen reagieren hier empfindlicher als „normalsensible“ Menschen.

Mich erschreckt das ehrlich gesagt. Seit mehr als 12 Jahren arbeite ich beruflich mit Social Media und habe die Entwicklung der Plattformen (und des Internets grundsätzlich) direkt mitverfolgt. Lange Zeit mochte ich auch Instagram total gern. Mein persönlicher Switch kam aber mit der Änderung des Algorithmus und dem Fokus auf Reels und Videos. Aus dem Grund bin ich bereits 2022 mit 360° Pferd aus dem Insta-Game ausgestiegen – und habe dem Business damit im Grunde die Grundlage entzogen, weil ich ohne Instagram kaum noch Umsatz gemacht hatte. Mich selbst hat die Plattform aber immens gestresst – aufgrund der Erwartungen an immer und immer mehr gute Inhalte und der teils wirklich respektlosen Kommentare und Nachrichten von Nutzerinnen und Nutzer – und ich musste einfach die Reißleine ziehen.

Lesetipp: Was Stress ist, wie du Stress erkennen und was du bei Stress tun kannst

Nervensystem im Alltag regulieren

Heute bin ich immer noch auf Instagram. Aber ich versuche mich nicht mehr so überrennen zu lassen und besser wahrzunehmen, wann mein Kopf überfordert ist. Auf TikTok bin ich dagegen aus Gründen des Selbstschutzes nicht.

Mein Ausgleich sind Momente bewusster Verlangsamung und Reizreduktion, beispielsweise draußen im Garten oder unterwegs in der Natur, wo ich meinen Fokus bewusst auf einzelne Sinneseindrücke wie das Rascheln von Blättern, das Kitzeln von Gras an der Haut oder den Geruch von Erde nach Regen legen kann.

Lesetipp: Reset für das Nervensystem: Warum wir beim Gärtnern endlich wieder bei uns ankommen

Darüber hinaus helfen mir Journaling, Yoga und Atemarbeit (hier erzähl ich dir, wie du über das bewusste Atmen dein Nervensystem regulieren kannst).

Dein Take-Away: Was du am Ende des Beitrags für dich mitnehmen solltest

Wenn du das Gefühl hast, dass du ausgelaugt, angespannt und einfach reizüberflutet bist, dann mach Insta aus, geh raus und komm (wieder) ins Fühlen und Wahrnehmen! Und auch wenn das jetzt nach pathetischem Esokram klingt und ich selbst diese Art von Empfehlungen lange Zeit nicht hören wollte: Es ist einfach so, dass die Natur uns erdet und runterholt. Dazu gibt es auch zahlreiche wissenschaftliche Studien, die das belegen. Wir müssen es einfach zulassen. Und wenn wir das schaffen, kommt die Erholung fast von ganz allein.

Wenn du hierbei Unterstützung brauchst, habe ich zwei digitale Begleiter für deinen Alltag:

  • Der achtsame Fotospaziergang (Digitaler Guide): Eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für dein Smartphone, mit der du jeden Spaziergang in deiner eigenen Natur vor der Haustür zur puren Erholung für dein Nervensystem machst. Hier kommst du zu den achtsamen Fotospaziergängen.
  • Das 0€-Workbook „Zurück zu dir“: 5 effektive Wahrnehmungsübungen gegen Reizüberflutung, die du sofort als PDF herunterladen kannst, wenn du dich für meinen Newsletter anmeldest.

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