Es ist März. Die Sonne ist morgens beim Aufstehen wieder da und noch bevor dein Wecker klingelt, fangen die Vögel an zu singen. Irgendwas ändert sich spürbar. Genau wie im September. Nur ist es jetzt noch dunkel beim Aufstehen und statt mehr Energie verspürst du mehr Müdigkeit. Dahinter steckt der Biorhythmus, der sich an die Jahreszeiten anpasst. Ich finde das ehrlich gesagt ziemlich faszinierend und deswegen soll es in diesem Beitrag genau darum gehen.
Biorhythmus: Taktgeber unseres Körpers
Biorhythmus. Für mich klingt das nach esoterischem Kalender oder Mondphasen-App und damit irgendwie unseriös.
Aber hinter dem Begriff Biorhythmus steckt am Ende nichts anderes als unser Körperrhythmus, also unsere menschliche innere Uhr, die natürliche, biologische Prozesse wie u.a. den Schlaf-Wach-Rhythmus, die Körpertemperatur, den Blutdruck und die Hormonausschüttung steuert.
Forschungen während der 1960er Jahre haben gezeigt, dass wir Menschen in konstanten Rhythmen, den Biorhythmen, leben. Und alle vegetativen Funktionen sind eingebunden in dieses rhythmische Geschehen.
Zirkadianer Rhythmus = 24 Stunden (Tag)
Der zirkadiane Rhythmus, der 24-Stunden-Takt und damit unser Tagesrhythmus, steuert, wann du schläfrig wirst, wann dein Cortisolspiegel morgens ansteigt, wann deine Körpertemperatur auf dem Tiefpunkt ist. Dieser Rhythmus ist für uns Menschen unser wichtigster Rhythmus. Haupttaktgeber ist hierbei Licht und insbesondere der blaue Spektralbereich, der auf spezialisierte Zellen in der Netzhaut trifft.
ultradianer Rhythmus = mehrmals am Tag (ca. alle 90-120 Minuten)
Der ultradiane Rhythmus findet mehrmals am Tag statt, sie dauern also weniger als 24 Stunden. Das können wenige Minuten bis mehrere Stunden sein. Zu den ultradianen Rhythmen zählen zum Beispiel Schlaf und Hungergefühl aber auch Atmung und Herzschlag. Die Forschung hat zudem gezeigt, dass unser Gehirn nach einem Intervall von rund 90-120 Minuten eine Erholungspause braucht (Basic Rest-Activity Cycle)
Infradianer Rhythmus = mehr als 24 Stunden
Infradiane Rhythmen dauern länger als 24 Stunden und zu ihnen zählt zum Beispiel unser Menstruationsrhythmus. Zu den infradianen Rhythmen kann man auch den zirkannualen Rhythmus, den Jahrestakt, zählen. Und auch, wenn einige Menschen es als „Eso-Kram“ abtun, wenn es darum geht, mehr im Rhythmus der Natur und der Jahreszeiten zu leben, hat der Jahresverlauf und haben mit ihm die Jahreszeiten Einfluss auf uns Menschen, auf unseren Körper und unser Nervensystem.
Bevor wir uns ansehen, wie uns die Jahreszeiten beeinflussen, möchte ich noch zwei, drei Sätze zur Bedeutung der verschiedenen Biorhythmen sagen.
Leben wir im Einklang mit den verschiedenen Rhythmen, nehmen wir sie nicht bewusst wahr. Tun wir dies aber nicht, macht sich dies bemerkbar, beispielsweise durch Schlafstörungen, Verspannungen und vermehrten oder verminderten Appetit. Fehlt beispielsweise die Regeneration, weil der Schlafrhythmus gestört ist – besonders gern kommt dies bei Schichtdienst vor -, kommt es zur körperlichen und seelischen Erschöpfung und die Homöostase, unsere körperliche Balance, ist gestört. Das sorgt für Stress und macht auf Dauer krank.
Aus diesem Grund ist es so wichtig, den Biorhyhtmus zu beachten.
Frühling, Sommer, Herbst, Winter: Wie beeinflussen uns die Jahreszeiten
Wir Menschen sind natürliche Wesen und als Teil der Natur selbstverständlich auch dem Jahreszeitenrhythmus angepasst. Na klar, wir leben mittlerweie in warm beheizten Häusern mit elektrischem Licht und wir können das ganze Jahr über sämtliche Obst- und Gemüsesorten im Supermarkt kaufen. Die Vorstellung, dass die Jahreszeiten uns steuern, ist da irgendwie seltsam.
Aber tatsächlich ist es so – und ich werfe hier mal ein paar Begriffe in den Raum, die du sicherlich schon gehört hast: Frühjahrsmüdigkeit, Sommerdepression, Herbstblues und Winterspeck.
Der wichtigste äußere Taktgeber oder Zeitgeber für uns Menschen (und unsere Tiere) ist das Sonnenlicht. Wir haben in unseren Augen spezielle Rezeptoren, die den Blaulichtanteil des Tageslichts registrieren und diese Information nutzt unser Gehorn, um die die Produktion des Schlafhormons Melatonin zu steuern. Da die Jahreszeiten unterschiedlich viel Tageslicht besitzen, verschiebt sich die Melatoninproduktion im Laufe des Jahres.
Lass uns mal einen kleinen Blick auf die einzelnen Jahreszeiten werfen:
Frühling: mehr Licht, weniger Melatonin, mehr Serotonin und Frühjahrsmüdigkeit
Im Frühling werden die Tage spürbar länger. Die zunehmende Helligkeit sorgt dafür, dass die Melatoninproduktion gedrosselt wird, während der Serotoninspiegel ansteigt (in meinem Text über das Gärtnern als Reset fürs Nervensystem erfährst du mehr über Serotonin). Das „Frühlingserwachen“, von dem gern gesprochen wird, findet demnach auch in unserem Körper statt. Aber, und das ist mir wichtig zu sagen, dieser Effekt ist individuell unterschiedlich und nicht bei allen Menschen gleich stark.
Wichtig ist auch: Unser System braucht ein paar Wochen, um sich umzustellen. Und in dieser In dieser Übergangsphase haben viele Menschen noch relativ hohe Melatoninreste aus dem Winter und gleichzeitig noch nicht genug Serotonin für die neuen Lichtverhältnisse. Hinzu kommen Kreislaufanpassung an wärmere Temperaturen, evtl. Vitamin-D-Mangel, Heuschnupfen oder anderes. Das Ergebnis ist dann die so genannte Frühjahrsmüdigkeit. Statt fit und vital fühlen wir uns dann eher müde, abgeschlagen und antriebslos.
Sommer: hohe Aktivierung, viel Input, Gefahr von Überlastung bei sensiblen Nervensystemen
Der Sommer bietet uns viel Licht, viel Serotonin (Glückshormon), viel Vitamin D und unser ganzer Körper ist auf die Außenwelt ausgerichtet. Wir wollen raus, wir haben Lust auf Action und Bewegung.
Das ist super – solange du auch weißt, wann Schluss ist. Denn vor allem für uns Menschen mit empfindlicherem Nervensystem (Hochsensibilität) kann der Sommer auch einfach mal zu sein: zu viel Input, zu viel Außen, zu wenig Rückzug. Und kommt dann noch schlechter Schlaf aufgrund von Helligkeit oder Hitze hinzu: Halleluja….
Apropos Hitze: Hitze ist kann eine große Belastung für sensiblere Menschen sein, das kenne ich selbst sehr gut. Und dabei geht es weniger um körperliche Beschwerden, es geht vielmehr darum, dass man Hitze und Helligkeit nicht entkommen kann. Im schlimmsten Fall kann dies sogar zu einer Sommerdepression führen. Mich selbst stresst die Hitze auch und ich neige zu Ängsten. Was mir hilft, erzähle ich hier in meinem Text über Angst und Achtsamkeit.
Herbst: mehr Melatonin, mehr Ruhebedürfnis, stärkere Innenwahrnehmung
Falls du dich schon mal gefragt hast: „Warum bin ich im Herbst so müde?„, kann ich dir sagen: Im Herbst werden die Tage kürzer, die Lichtmenge sinkt und das hat zur Folge, dass der Melatoninspiegel steigt und der Serotoninspiegel sinkt. Für viele Menschen, mich eingeschlossen, heißt das mehr Schlafbedarf, mehr Rückzug und veränderte Stimmung. Gleichzeitig wird unsere Wahrnehmung wieder vermehrt nach innen verlagert: Während wir im Sommer sehr viel im Außen waren, gehen wir im Herbst mit unserer Aufmerksamkeit wieder mehr nach Innen und nehmen so auch eigene Bedürfnisse wie Hunger, Müdigkeit oder Anspannung wieder eher wahr.
Wenn du Herbstblues nur zu gut kennst, versuch doch mal mehr Bewegung in deinen Alltag zu bringen. Lange Spaziergänge im Tageslicht können den Serotoninspiegel erhöhen und ein wenig Vitamin D liefern. Und gönn dir die Ruhe, die du brauchst. Ab aufs Sofa mit Kuscheldecke,Tee und Lieblingsbuch und/oder den Gilmore Girls. Ich selbst liebe verregnete Herbsttage, an denen ich ohne schlechtes Gewissen lesen kann. Ich stehe total auf skandinavische Krimis und kann dir von Herzen die Bücher meine Lieblingsautorin Yrsa Sigurdardóttir empfehlen.
Winter: Rückzug, Regeneration, langsamerer Takt
Im Winter steigt der Schlafbedarf. Studien zeigen, dass wir Menschen im Winter im Durchschnitt länger schlafen und mehr REM-Schlaf haben. Dies hängt damit zusammen, dass der Melatoninspiegel über mehr Stunden erhöht bleibt und Stoffwechsel und Hormone in den Energiesparmodus wechseln. Aus diesem Grund passen ein voller Terminkalender, wie wir ihn doch alle im privaten Kontext aus der Weihnachtszeit kennen, und ein voller Jahresstart im Beruf nicht so richtig gut dazu.
Schalte im Winter ruhig auch mal einen Gang zurück – dies gilt übrigens auch (und vor allem) für die Weihnachtszeit. Darüber schreib ich hier: Wir müssen aufhören zu müssen: Impulse für weniger Stress in der Vorweihnachtszeit.
Was ebenfalls helfen kann sind Spaziergänge bei Tageslicht sowie regelmäßige Bewegung um den Serotonin-Spiegel anzuheben.
Die 4 astronomischen Wendepunkte des Jahres
Das Licht spielt also eine wichtige Rolle für den Biorhythmus und beeinflusst unter anderem, wie wir uns fühlen.
Im Laufe eines Jahres gibt es vier besondere „Lichttage“, die markieren, wie sich Licht und Dunkel zueinander verhalten und die jeweils den Beginn einer Jahreszeit darstellen.
Frühjahrs-Tagundnachtgleiche (Frühlings-Äquinoktium) – ca. 20. März
Tag und Nacht sind gleich lang und symbolisieren den Startschuss für den Frühling. Dieser Tag, der übrigens auf der ganzen Welt stattfindet, ist in der Regel der 19., 20. oder 21. März. An diesem Tag steht die Sonne senkrecht über dem Äquator.
Sommersonnenwende am 21. Juni
Der 21. Juni ist längste Tag des Jahres auf der Nordhalbkugel und wird auch als Sommersonnenwende bezeichnet und gefeiert (hier erzähl ich dir mehr über die Tradition der Sommersonnenwende). Unser Melatonin ist auf dem Jahrestief und wir sind total aktiviert.
Und gleichzeitig: Ab hier werden die Tage wieder kürzer. Wir merken es oft noch nicht, unser Körper aber schon. Und zu diesem Zeitpunkt beginnt zum Beispiel bei den Pferden bereits der Fellwechsel. Dieser hängt nämlich auch mit dem Licht und nicht mit der Temperatur zusammen. Hierzu habe ich einen Blogbeitrag auf 360° Pferd geschrieben, in dem es um den Fellwechsel geht, der mit der Sommer-, bzw. Wintersonnenwende beginnt. Sollte dich das interessieren, kannst du den Beitrag hier lesen.
Herbst-Tagundnachtgleiche (Herbst-Äquinoktium) – ca. 22./23. September
Der Herbst beginnt und ab jetzt sind die Nächte bei uns wieder länger als die Tage. Das hat zur Folge, dass die Serotoninaktivität tendenziell sinkt und die Melatoninproduktion zunimmt.
Wintersonnenwende – ca. 21./22. Dezember
Die Wintersonnenwende stellt die längste Nacht und den kürzesten Tag eines Jahres auf der Nordhalbkugel dar, es ist also der Tag mit dem wenigsten Licht. In Skandinavien wird die Wintersonnenwende auch als Yule bzw. Julfest (Lichtfest) gefeiert, denn die längste Nacht des Jahres bedeutet, dass danach die Tage wieder länger werden.
Heute wird das Julfest meist mit Weihnachten verbunden. Und ähnlich wie Weihnachten erinnert das Julfest daran, dass jedes Ende auch ein Neubeginn ist (Rückkehr des Lichtes).
Fazit: Dein Körper lebt im Rhythmus der Natur
Unser Körper ist ein Meister der Anpassung. Er weiß ganz genau, in welcher Jahreszeit wir uns befinden und passt sich entsprechend an. Die große Herausforderung für uns in unserer heutigen Zeit: Unsere Welt mit künstlichem Licht, beheizten Räumen und ganzjährig verfügbarem Obst kann unser System ein wenig „verwirren“ Deswegen sollten wir auf unseren Körper hören und bewusster leben.
Im Winter die Tage nicht unnötig mit künstlichem Licht in die länge ziehen und ruhig mal einen Gang zurückschalten. Im Frühling brauchen wir ein wenig Zeit für den Übergang – genau wie unsere Blumen, die sich langsam ihren Weg nach oben an die Erdoberfläche bahnen. Im Sommer dürfen die das Außen in vollen Zügen genießen und uns trotzdem Rückzugsphasen einbauen und der Herbst lädt uns ein, langsamer zu werden.
Dein Körper folgt den Jahreszeiten. Tu es auch. 🌿
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