Hast du dich schon einmal mit deinen Sinnessystemen beschäftigt? Falls nein, dann lade ich dich herzlich dazu ein! Ich habe mich als Pferdeergotherapeutin und im Rahmen des Sensomotorischen Pferdetrainings sehr intensiv mit den Sinnessystemen des Pferdes – und eben auch des Menschen – beschäftigt und möchte dir hier ein paar Grundinfos geben. Denn die Sinne sind elementar für unsere Körperwahrnehmung und das Bewusste Wahrnehmen kann uns dabei unterstützen, uns in stressigen Situationen oder bei Angst zu beruhigen und insgesamt mehr Entspannung, Gelassenheit und Ruhe in unseren Alltag bringen.
Wenn du verstehst, wie dein Gehirn über Sinne arbeitet, verändert sich der Blick auf viele Themen.
Warum wir überhaupt Sinne haben
Fangen wir beim wichtigsten Teil unseres Körpers an, dem Gehirn. Obwohl das Gehirn unser gesamtes Denken, unser Handeln und unsere Gefühle steuert und koordiniert, hat es keinen direkten Zugang zur Außenwelt. Alles, was es über dich, deinen Körper und deine Umgebung weiß, erfährt es von den Sinnessystemen.
Ohne Sinneswahrnehmung gäbe es für dein Gehirn keine Realität.
Sinnessysteme liefern dem Gehirn drei essenzielle Informationen:
- Was passiert um mich herum?
- Was passiert in meinem Körper?
- Wie bewege ich mich darin – sicher oder unsicher?
Erst aus der Kombination dieser Informationen entstehen Gedanken, Gefühle, Handlungen, Bewegungen usw.
- Emotion
- Handlung
- Regulation (z. B. Stress runterfahren oder Aktivität erhöhen)
Sinnessysteme sind also kein Zusatz – sie sind die Grundlage von Überleben, Orientierung und Regulation.

Diese Sinnessysteme hat der Mensch
Wenn wir über unsere Sinne reden, reden wir meistens nur über die „klassischen fünf Sinne“. Aus neurobiologischer Sicht ist das zu kurz gegriffen, denn wir haben noch weitere Sinnessysteme, die für uns sehr relevant sind.
1. Visuelles System – Sehen
Das visuelle System ist unser Sehsinn. Mit ihm nehmen wir Reize wahr wie:
- Licht, Helligkeit, Farbe, Kontraste
- Bewegung
- Tiefe und Entfernung
Das visuelle System ist unser dominantes Orientierungssystem. Ein großer Teil der Hirnrinde ist mit Sehverarbeitung beschäftigt.
Sehen hilft dir dabei
- Entfernungen einzuschätzen
- Gefahren früh zu erkennen und Sicherheit herzustellen
- Bewegung im Raum zu planen
- Gleichgewicht zu stabilisieren durch die Verknüpfung mit dem Gleichgewichtssinn
- soziale Signale (Mimik, Gestik) zu lesen
Im Alltag heißt das: Ich sehe, ob der Boden uneben ist, wie sich der Himmel verändert, wo Bewegung ist – lange bevor ich darüber nachdenke.
Übung zur visuellen Beruhigung (2 Minuten):
Stell dich ans Fenster oder geh kurz nach draußen. Lass den Blick weich werden und fixiere nichts. Nimm wahr:
- helle und dunkle Flächen
- horizontale Linien
- Bewegung in der Ferne
Die Übung kann dein Nervensystem entlasten, weil es Übersicht statt Detail fordert.
2. Auditorisches System – Hören
Das auditive System ist unser Hörsinn. Mit ihm nehmen wir akustische Reize wahr wie
- Geräusche
- Lautstärke
- Richtung
- Rhythmus
Das Hören ist für uns eine Art ein Frühwarnsystem. Du kannst beispielsweise Gefahren hören, bevor du sie siehst. Es warnt, verbindet und reguliert Aufmerksamkeit. Wind in den Bäumen, Schritte im Kies, Tierlaute – all das sagt meinem Gehirn: Ich bin nicht allein, aber ich bin sicher.
Das auditive System ist eng gekoppelt an Sprache, Aufmerksamkeit und emotionale Bewertung. Deshalb können bestimmte Geräusche sofort Stress auslösen ehe du bewusst darüber nachdenkst.
Auch für die räumliche Orientierung spielt das Hören eine wichtige Rolle.
Übung – Geräusch-Landkarte:
Schließe kurz die Augen und konzentriere dich aufs Hören. Benenne innerlich drei Geräusche:
- eins nah
- eins mittel
- eins weit entfernt
Nicht bewerten. Nur wahrnehmen und lokalisieren.
3. Olfaktorisches und gustatorisches System – Riechen und Schmecken
Mit unserem Geruchs- und Geschmackssinn nehmen wir chemische Reize aus der Luft (Geruch) und in der Nahrung (Geschmack) wahr. Beide Sinnessysteme sind evolutionär sehr alt und mit dem limbischen System des Gehirns verbunden, das u.a. für Emotionen zuständig ist. Der Geruchs- und Geschmackssinn dient der Gefahrenvermeidung (Verdorbenes, Rauch), der Nahrungsbewertung und dem emotionalem Gedächtnis. Durch die enge Bindung ans limbische System ist auch zu erklären, warum Gerüche positive und negative Emotionen und Stressreaktionen hervorrufen können: Der Weg ins Emotionszentrum ist extrem kurz.
4. Taktiles System – Berührung
Das Taktile System, unser Tastsinn, ist unser größtes Sinnessystem, weil es die gesamte Körperoberfläche umfasst: In der Haut befinden sich zahlreiche sensible Nervenzellen, die folgende Reize wahrnehmen können:
- Druck
- Vibration
- Temperatur
- Schmerz
- Oberflächenstruktur
Diese Reize geben deinem Gehirn Informationen über deine Körpergrenzen (wo fängst du an, wo hörst du auf), über die Umwellt sowie über Sicherheit und Bedrohung. Das taktile System spielt zudem eine relevante Rolle bei der sozialen Regulation: Nähe, Distanz, Beruhigung.
Übung – Stand spüren
Stelle dich aufrecht und gerade mit beiden Füßen fest auf den Boden. Wenn du magst, kannst du die Augen schließen. Und dann spüre einmal runter in deine Füße:
- Fersen
- Ballen
- Zehen
Verteile das Gewicht minimal und nimm bewusst wahr, was sich verändert.
Warum die Übung entspannt? Weil dein Gehirn registriert: Ich habe Halt.
Übrigens liebe ich meine Barfußschuhe vor allem deswegen, weil sie mich dabei unterstützen, meine Füße und den Kontakt zum Boden besser wahrzunehmen und mir das Gefühl vermitteln von „ich stehe fest, ich habe Halt“. Hier liest du mehr darüber, warum ich Barfußschuhe liebe.
5. Propriozeptives System – Eigenwahrnehmung, Körperlage und Bewegung
Das Propriozeptive System ist ein Sinn, der wenigen Bekannt ist und der in der Regel nicht mit aufgezählt wird, wenn über die Sinnessysteme gesprochen wird. Dabei gehört er gemeinsam mit dem Tastsinn und dem Gleichgewichtssinn zu den drei sogenannten Basissinnen, die als erste Sinnessysteme gebildet werden.
Mithilfe dieses Sinnessystems kannst du u.a. wahrnehmen
- die Stellung der Gelenke (auch mit geschlossenen Augen)
- die Muskelspannung
- die Bewegungsgeschwindigkeit
Die Reize, die wahrgenommen werden, kommen nicht aus der Umwelt, sondern aus dem Körperinneren.
proprius = eigen, recipere = wahrnehmen, Propriozeption = Eigenwahrnehmung
Ohne Propriozeption wüsstest du nicht, in welcher Position sich dein Körper befindet, ob deine Beine angewinkelt sind oder nicht, wenn du nicht hinschaust. Darüber hinaus ist das Sinnessystem zentral für Koordination, Kraftdosierung und ökonomische Bewegung.
Viele „unruhige“ oder verspannte Bewegungsmuster wie zum Beispiel lautes Gehen oder schlurfen, hängen oft mit unscharfer propriozeptiver Rückmeldung zusammen. In diesem Fall befiehlt das Gehirn den Muskeln sicherheitshalber „festhalten“.
Übung – Finger zusammenführen
Schließe deine Augen und versuch deine Zeigefinger vor der Nase zusammenzuführen. Sollte dies nicht sofort gelingen, versuch es noch einmal. Diese Übung gelingt dir mithilfe deiner Propriozeption. (Sie ist übrigens auch in meinem Buch als Selbsterfahrungsübung enthalten*.)

- Kardel, Karolina(Autor)
6. Vestibuläres System – Gleichgewicht & Orientierung
Das vestibuläre System ist unser Gleichgewichtssinn und ebenfalls ein Sinnessystem, an das wir nicht immer sofort denken, wenn wir an unsere Sinne denken. Dabei gehört auch dieser Sinn zu unseren Basissinnen.
Mithilfe des Gleichgewichtssinn, der übrigens ein Organ im Innenohr ist, nehmen wir Gleichgewichtsreize wahr wie Schwerkraft, lineare Beschleunigung und Winkelbeschleunigung.
Das vestibuläre System ist ein Sicherheitsanker. Es entscheidet blitzschnell: Bin ich stabil oder droht Gefahr? Denn nur wenn wir uns stabil bewegen können, sind wir überlebensfähig und damit sicher. Es ist relevant für unsere Raum-Lage-Wahrnehmung und beeinflusst:
- Gleichgewicht
- Blickstabilität
- Muskeltonus
- vegetative Reaktionen (Übelkeit, Stress)
Ist dieses System über- oder unterfordert, reagiert das Gehirn oft mit Anspannung oder Vermeidungsstrategien, um Stabilität und Sicherheit zu wahren.
Übung: Sanftes Wiegen mit weitem Blick
Stell dich hüftbreit hin, am besten barfuß oder in festen Schuhen. Der Boden sollte stabil sein. Lass deinen Blick weich werden. Schau nicht auf einen Punkt, sondern nimm den Raum vor dir als Ganzes wahr: Licht, Linien, Tiefe.
Beginne dann eine langsame Gewichtsverlagerung von links nach rechts, wie ein ganz sanftes Pendel. Die Bewegung ist klein. Wirklich klein.
Der Kopf folgt dem Körper ganz natürlich, als würde er getragen.
Finde einen ruhigen Rhythmus: gleichmäßig, vorhersehbar, ohne Ziel.
Die Übung kann dein Nervensystem regulieren, weil die ruhige, gleichmäßige Bewegung signalisiert: keine Gefahr, keine Eile, stabile Orientierung.
Interozeption – Wahrnehmung des inneren Zustands
Die Interozeption ist kein eigenständiges Sinnessystem, ich möchte sie dir dennoch vorstellen, weil sie relevant ist. Interozeption ist die Wahrnehmung von Reizen, die aus dem Körperinneren kommen. Die Wahrnehmung von Außenreizen nennt sich Exterozeption.
Zur Interozeption gehört neben der Propriozeption (Wahrnehmung von Körperlage und -bewegung im Raum) auch die Viszerozeption (Wahrnehmung der Organtätigkeit). Interozeptive Reize sind zum Beispiel Herzschlag, Atmung, Hunger, Sättigung, innere Spannung oder Entspannung.
Interozeption informiert dein Gehirn darüber, wie es dir geht – körperlich und emotional. Wie viel Energie ist da? Bin ich sicher oder überfordert?
Brauche ich Aktivität oder Pause? Habe ich Hunger? Sie ist entscheidend für:
- Emotionsregulation
- Stressverarbeitung
- Entscheidungsfindung
- Selbstwahrnehmung
Ohne verlässliche Interozeption reagierst du oft zu spät – nämlich dann, wenn Erschöpfung, Hunger oder Überforderung kippen. Leider nehmen viele Menschen – mich eingeschlossen – die interozeptiven Reize nicht bewusst wahr. Das hat damit zu tun, dass das Gehirn exterozeptive Reize, die tendenziell gefährlicher sind, priorisiert wahrnimmt. Interozeption tritt dann in den Hintergrund. Das ist kein Fehler, sondern Schutz.
Problematisch wird es, wenn dieser Zustand chronisch wird:
- dauerhafte Außenorientierung
- ständige Reizverarbeitung
- Angst, Stress und Überforderung
- kaum Zeit für innere Rückmeldung usw.
Dann verlernt das System, Interozeption fein wahrzunehmen. Wir sind aber leider ständig von starken Außenreizen umgeben. Bildschirme, Geräusche, Benachrichtigungen, Multitasking usw. halten das Gehirn im exterozeptiven Modus.
Ein weiterer Grund, warum wir unser Köperinneres nicht bewusst wahrnehmen ist, dass es abtrainiert wurde. Wir alle haben doch als Kinder gelernt: „„Reiß dich zusammen“, „Ignorier das jetzt“ oder „Stell dich nicht so an“. Also haben wir aufgehört auf das zu achten, was uns unser Körper sagt.
Der Körper wird erst dann wieder bewusst wahrgenommen, wenn:
- Schmerz auftritt
- Erschöpfung kippt
- Panik entsteht
- der Schlaf massiv leidet
Du kannst deine Interozeption aber trainieren. Im Rahmen des Sensomotorischen Pferdetrainings erkläre ich immer gern, dass wir uns Nervenbahnen wie ein Straßennetz vorstellen können. Werden die Nervenbahnen viel genutzt, werden sie ausgebaut zu schnellen Datenautobahnen. Ohne Nutzung verkümmern sie zu zugewuchterten Trampelpfaden.
Übung – innerer Check-in:
Stell dir drei Fragen:
- Wie tief atme ich gerade?
- Wo halte ich Spannung?
- Wo halte ich gerade unnötig fest und könnte loslassen?
Keine Lösung – nur Wahrnehmung.
Wie das Gehirn Sinnesreize nutzt: Integration statt Einzelreize
Die Sinnessysteme arbeiten nie isoliert, sondern immer zusammen. Die Informationen der wahrgenommenen Reize werden über die Nervenbahnen ans Gehirn geschickt und dort gespeichert und verarbeitet. Dein Gehirn vergleicht permanent: außen ↔ innen, Bewegung ↔ Gleichgewicht, Erwartung ↔ tatsächlicher Reiz und gibt aufgrund der angekommenen und verarbeiteten Informationen einen Befehl an die ausführenden Organe – also die Muskeln.
Dieser Prozess nennt sich sensorische Integration. Das Ziel ist nicht „viel Wahrnehmung“, sondern die Sicherung unseres Überlebens. Und dazu gehören
möglichst verlässliche Vorhersagen über Sicherheit, Handlung und Energieeinsatz.
Warum Sinneswahrnehmung so eng mit Stress verbunden ist
Stress entsteht nicht primär durch Ereignisse, sondern durch die Bewertung unseres Gehirns. Wenn Sinnesinformationen beispielsweise widersprüchlich, unscharf oder überfordernd sind, stuft das Gehirn die Situation schneller als unsicher ein. Die körperlichen Reaktionen darauf, die ein automatischer Schutzmechanismus sind, können dann sein:
- erhöhte Muskelspannung
- flachere Atmung
- eingeschränkte Beweglichkeit
- Tunnelblick
- uvm.
Wie du von dem Wissen in deinem Alltag profitieren kannst
Neurozentrierte Trainingsansätze wie meiner zum Sensomotorischen Pferdetraining setzen bei der Reizwahrnehmung und Reizverarbeitung an. Denn:
Wenn das Gehirn bessere, klarere Sinnesinformationen bekommt, kann es Bewegung, Spannung und Regulation effizienter steuern.
Diese klaren Sinnesinformationen kannst du in deinem Alltag beispielsweise erzeugen durch: langsamere Übergänge, bewussten Kontakt, weniger Multitasking und mehr Orientierung statt Optimierung.
Und auch dein Zuhause kann darauf Einfluss nehmen. Räume wirken nicht, weil sie schön sind. Sie wirken, weil sie Sinnesinformationen anbieten, die unser Gehirn lesen kann. Egal ob Garten, Hof oder Zimmer: jeder Raum
- kann beruhigen
- kann überfordern
- kann ordnen.
Nicht durch Stil, sondern durch Wahrnehmung der verschiedenen Reize, die er bietet.
Lesetipp: Innere Ruhe durch äußere Einfachheit: So können Räume unser Nervensystem beeinflussen
Die bewusste Sinneswahrnehmung ist eine Einladung an dich, wieder im Körper zu wohnen, während du handelst.
- erst bewusst wahrnehmen, dann bewerten
- erst spüren, dann reagieren (zumindest wenn es um bewusste Reaktionen und nicht um Gedahrensituationen geht)
- Bewegung als Dialog mit dem Nervensystem
- Kardel, Karolina(Autor)

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