Ich fang mal ehrlich an: Als wir im Sommer auf unseren Resthof gezogen sind, der Garten war mäßig bis gar nicht angelegt und sehr wild und ungepflegt, der Boden sandig und die to-do-Sanierungsliste unendlich lang (=keine Zeit). Außerdem hatte ich null Plan, wie man aus all dem Gewucher einen bunten, gemütlichen und naturnahen Garten macht. Kein Gartenbau-Studium, keine zehn Jahre Erfahrung, nur: ein Resthof, wenig Zeit, wenig Budget. Hier möchte ich dir erzählen, wie ich Schritt für Schritt gelernt habe (und noch immer lerne), einen Garten naturnah zu gestalten, der nicht nur uns, sondern auch den Insekten und Tieren gefällt, die hier bei uns so leben.
Von „Ich google mal kurz“ zum echten Gartenverständnis
Am Anfang sah mein Gartenwissen ungefähr so aus:
- Ich wusste, dass Rosen existieren.
- Und dass Gießen wichtig ist.
- Ende.
Naja, das ist übertrieben, ein bisschen mehr wusste ich schon. Zum Beispiel, dass ich Hortensien mag und Schleierkraut und Lavendel.

Doch meine Gartenstrategie sah so aus: Schöne Bilder auf Pinterest speichern und hoffen, dass unser Garten irgendwann auch mal so aussieht. Tut er natürlich nicht. Denn wie soll ein Sandbodengarten aussehen wie ein Lehmbodengarten?!
Dazu musst du zu meinem Background wissen: Ich komme auch von einem alten Hof und der riesige Garten mit Gemüse, Obst und zahlreichen wunderschönen Blumen war der Liebling meiner Oma. Und meine Mama, gelernte Floristin, hat ebenfalls ein Händchen für alles was Blumen angebt und einen wilden Cottagegarten. Ich selbst hatte früher nie viel mit Garten zu tun – vom Rasenmähen abgesehen.
Dann bin ich zu Hause ausgezogen und weder die Studentenwohnungen noch später unsere gemeinsame Wohnung in Hamburg hatte einen Garten. Mein grünes Interesse bestand bei den Pferden – immerhin muss ich in der Lage sein, giftige Pflanzen zu identifizieren. Hierfür hat mir die App Flora Incognita immer super geholfen.
Dann also hatten wir einen sehr großen Garten, der gestaltet werden wollte. Ich hab ein bisschen was versucht. Einiges hat geklappt, anderes noch nicht. Aber der Wendepunkt kam erst, als ich verstanden habe: Bevor ich mir über Pinterest-Bilder und Beeteinfassungen Gedanken machen kann, muss ich meinen Standort verstehen.
Und nicht nur das: Ich habe immer mehr erkannt, wie wichtig es ist, naturnah zu gärtnern. Keine Pestizide, keine akkuraten Beete, heimische und insektenfreundliche Pflanzen wählen, wilde Strukturen wie Totholzhecken oder Laubhaufen zulassen und vor allem: nicht alles „auf einmal“ machen, sondern mit dem Garten wachsen. Auch in der Natur ist nicht alles auf einmal da. Alles wächst, äußerlich wie innerlich. Das Unkraut genau wie wir und wie die Pflanzen im Garten.
Naturnah gärtnern heißt nicht: wild und sich selbst überlassen.
Naturnah gärtnern heißt: weniger Kontrolle, mehr Vertrauen.
Lernschritt 1: Boden verstehen statt nur schöne Pflanzen zu kaufen
Ich habe gelernt, dass unser Garten auf sandigem Boden liegt. Was das im Gartenalltag bedeutet, wusste ich am Anfang nicht. Heute dafür umso besser:
- Wasser läuft schnell durch.
- Nährstoffe bleiben schlecht im Boden.
- Im Sommer wird es schnell knochentrocken.
Anfang habe ich noch „durstige“ Lieblingspflanzen gekauft und mich gewundert, warum die ständig leiden und einfach nicht so wollen, wie ich. Dann habe ich Stück für Stück begriffen: Der Boden ist die Ausgangslage, mit der ich arbeiten darf.
Und sandiger Boden hat auch viele Vorteile:
- er ist leicht zu bearbeiten
- er erwärmt sich schneller im Frühjahr
- ideal für bestimmte Pflanzen, die Staunässe hassen (Wollziest fühlt sich zum Beispiel pudelwohl bei uns)
Was ich über die Zeit gelernt und ausprobiert habe:
- Mulchen hilft dabei, Wasser im Boden zu halten.
Also: Rasenschnitt antrocknen lassen, dann auf die Beete. Laub liegen lassen, statt alles wegzuharken. Gehäckseltes Holz, wo es passt. - Organische Substanz = Gold auf Sandboden.
Kompost, Pferdemist, Grünschnitt – alles, was das Bodenleben füttert. Gerade auf sandigem Boden ist das Gold wert, weil organische Substanz Wasser und Nährstoffe besser hält.
Mit jedem Fehler verstehe ich ein bisschen mehr, was unser Boden braucht und was – oder vielmehr welche Pflanze – zu ihm passt.
Lernschritt 2: Pflanzen wählen, die wirklich hierher passen
Anfangs bin ich sehr naiv an den Pflanzenkauf herangegangen: „Die ist schön, die nehm ich.“
Heute habe ich einen groben Plan im Kopf:
- Verträgt die Pflanze Sonne und Trockenheit?
- Kommt sie mit Sandboden klar?
- Ist sie mehrjährig (Staude) oder nur einjährig?
- Hilft sie Insekten und anderen Tieren?

Mit der Zeit habe ich eine kleine „Hitliste“ für unseren Garten entwickelt – Pflanzen, die bei wenig Wasser und wenig Drama erstaunlich gut klarkommen. Dazu gehören:
- robuste Stauden wie Schafgarbe, Storchschnabel und Fetthenne
- Gräser, die den trockenen Boden mögen
- Wildstauden und insektenfreundliche Pflanzen
Wildrosen wachsen auch erstaunlich gut, andere Rosen, wie die Ramblerrose Veilchenblau, die ich so mag und bei meiner Oma im Sommer so bewundere, fühlt sich dagegen nicht richtig wohl…
Um herauszufinden, welche Pflanzen zu uns passen, habe ich beobachtet:
- Welche Pflanzen erholen sich nach Trockenphasen wieder – und welche sind beleidigt und gehen ein?
- Wo stehen Pflanzen plötzlich gut, obwohl ich gefühlt fast nichts für sie getan habe?
Mit jedem Jahr wird dieses Wissen konkreter. Der Garten selbst ist hier also mein Lehrbuch – auf mehreren Ebenen (leider auch auf der finanziellen, denn auch nicht etablierte Blumen haben schließlich was gekostet…).
Eine Auswahl an Pflanzen, die sich in meinen Beeten bewährt haben (oder bewähren sollen):
- Stauden
- PurpurSonnenhut (Echinacea)
- Schafgarbe (Achillea)
- Storchschnabel (Geranium)
- Fetthenne / Mauerpfeffer (Sedum)
- Wollziest
- Heimische Wildstauden & Insektenmagnete
- Wilde Möhre
- Flockenblume
- Malven
- Lavendel
- Sträucher (auf lange Sicht, auch mit wenig Pflege gut)
- Weißdorn
- gewöhnlicher Schneeball
- Hundsrose / Wildrosen
- Pfaffenhütchen
- Schwarzer Holunder
Wichtig ist für mich: Lieber robuste Arten und Wiederholung pflanzen, statt dutzende „Raritäten“, die dauernd Aufmerksamkeit brauchen.
Lernschritt 3: Neue Beete müssen sinnvoll geplant sein
Ein Bereich, in dem ich immer noch mitten im Lernen stecke, ist die Struktur im Garten in Bezug auf neue Beete und vor allem auch in Bezug auf einen Gemüsegarten.
Wir haben zum Beispiel einen einfachen Bauerngarten angelegt, mit Wegen und Beeten, in denen alles Mögliche zusammenwächst: Himbeeren, Erdbeeren, Zwiebeln, Knoblauch, Kartoffeln, Blumen, Kräuter – eine Mischkultur, die auf dem Papier wunderbar klang.
In der Realität merke ich aber:
- Ein Gemüsegarten braucht mehr Struktur und Wissen, als ich dachte.
- Wege, Beetgrößen und Reihenabstände sind nicht nur „Optik“, sie entscheiden mit darüber, ob ich gut arbeiten kann. Hier haben wir noch Optimierungspotential!
- Mischkultur ist spannend, aber auch anspruchsvoll, wenn man noch lernt: Was verträgt sich? Was nimmt wem das Licht, das Wasser, den Platz?
Ich habe außerdem unterschätzt, wie viel Zeit so ein Bauerngarten wirklich braucht:
- regelmäßiges Jäten – vor allem auf den komplett neu angelegten Beete eine never ending story
- rechtzeitige Aussaat bzw. rechtzeitiges Vorziehen der Pflanzen im Haus
- Nachpflanzen, wenn etwas aufgegessen, von Schnecken gefressen oder einfach nicht aufgegangen ist
- gezieltes Gießen, weil Gemüse empfindlicher reagiert als viele Stauden
Unser Bauerngarten „muss noch werden“. Er sieht nicht aus wie im Buch, er ist stückweise, teilweise chaotisch, teilweise schon ganz schön. Und geerntet haben wir doch schon viele leckere Dinge. Aber das Thema Beetplanung ist dennoch eins, wo ich noch viel lernen muss. Auch was unsere neuen Staudenbeete angeht…

- Royal Horticultural Society(Autor)
- Schillinger, Walburga(Autor)
Lernschritt 4: Naturnah gärtnern heißt auch: Kontrolle abgeben
Als Garten-Anfängerin dachte ich: „Wenn es ordentlich ist, mache ich es richtig.“ Kein Unkraut, alles fein geschnitten.
Heute weiß ich: Unser Garten ist ein wichtiger Lebensraum.
Ich habe nach und nach verstanden, dass ein Haufen Totholz nicht nur „liegen geblieben“ aussieht, sondern ein wertvoller Lebensraum ist, dass Laub unter Sträuchern den Boden und Tiere schützt (hier erzähl ich etwas über Überwinterungsmöglichkeiten für Igel und Co) und das Brennnesseln wichtig und wertvoll für Insekten sind und bei uns Ecken haben, wo sie wachsen dürfen – hier in meinem Text über den Schmetterlingsgarten liest du mehr dazu. Auch lasse ich Blütenreste stehen, damit die Samenstände Vögel und Insekten im Winter ernähren. In diesem Jahr habe ich zum ersten Mal ein Taubenschwänzchen im Blumenbeet entdeckt und mich riesig gefreut.
Für mich war das ein großes Umdenken und Umlernen, denn ich musste mein Bedürfnis nach Kontrolle abgeben und den Gedanken „was werden nur die Leute denken“ verändern in „ich will das bewusst unaufgeräumt lassen“.
Ganz ehrlich? Gerade mit wenig Zeit ist dieses Mindset ein Geschenk! Ich habe nicht mehr das Bedürfnis jeden Winkel glatt zu ziehen und tue gleichzeitig etwas für Biodiversität.

Lernschritt 5: Mit wenig Zeit und in Mikro-Schritten denken
Ich arbeite, habe ein Kind, zwei Pferde, Hund und Katze, Alltag und Haushalt. Und einfach super wenig Zeit. Die Illusion „ein ganzer Samstag im Garten“ und dann ist’s fertig ist… na ja, eine Illusion. Zum einen, weil ein Tag nur sehr selten für fertig reicht und zum anderen, weil so ein Samstag immer auch aus gefühlt drei Millionen anderen Dingen besteht.
Früher hat mich das richtig frustriert. Jetzt versuche ich es ein wenig anders umzusetzen.
Was für mich im vollen Alltag ganz gut funktioniert:
- Kleinstaufgaben:
- einen kleinen Bereich jäten
- drei Stauden pflanzen
- eine Gießrunde für die gefährdeten Pflanzen
- Beete in Etappen anlegen:
Nicht: „Hier entsteht der komplette Traumgarten.“
Sondern: „Heute nur der rechte Meter. Der Rest muss warten.“
Ich habe gelernt, dass der Garten trotzdem wächst – nur eben in kleinen Schritten (oder in großen, mit Blick auf das Unkraut…). Wie Jahresringe am Baum.
Lernschritt 5: Budgetknappheit als kreativer Motor
Was mir wirklich nicht bewusst war: einen Garten zu bepflanzen kostet richtig viel Geld! Da der Garten aber nicht unsere einzige Baustelle ist und an vielen Ecken und Enden investiert werden muss, ist mein Gartenbudget überschaubar. So habe ich über die Zeit gelernt:
- Stauden teilen ist wie Pflanzen vermehren ohne Extrakosten. Gleiches gilt für Saatgut sammeln (darüber schreib ich hier).
- Ableger & Tausch sind Gold wert: NachbarInnen, Familie, Staudenflohmärkte in der Region – es ist erstaunlich, wie viele Pflanzen man bekommen und tauschen kann. Großartig, wirklich.
- Samen statt große Pflanzen funktionieren gut bei vielen Wildblumen und trockentoleranten Arten.
Ich habe nach und nach verstanden:
Naturnah gärtnern heißt nicht: immer neu kaufen.
Es heißt eher: Kreisläufe sehen – und mitgehen.
Und nicht nur in Bezug auf die Pflanzen lässt sich Geld sparen: altes Holz wurde Beetumrandung, Steine wurden Wegbegrenzung, Schnittgut und Pferdemist wurden Mulch und Dünger. Das ist nicht nur günstig, sondern auch nachhaltig.

Lernschritt 6: Der Garten als Spiegel meines Inneren
Zu Beginn wollte ich vor allem einen schönen Garten. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass mit der Garten auch zeigt, wie ich innerlich drauf bin.
Wenn ich im Aktionismus alles auf einmal anreiße, wird es unübersichtlich – genau wie im Kopf. Auch komm ich dann an meine Grenzen und bin überfordert. Bestes Beispiel: mein Bauerngarten. Wenn ich hingegen kleine, klare Schritte gehe und mir vorab ein paar Gedanken mache, entsteht Struktur – im Beet und in mir. Beispiele hierfür sind meine Beete an der Ostseite des Hauses und ein neu angelegtes an der Straße.

Darüber hinaus lerne ich
- unperfekte Zwischenzustände auszuhalten (super schwierig für mich),
- Prozesse zu sehen und
- den Rhythmus der Natur zu akzeptieren: Dinge brauchen Zeit (ebenfalls eine mega Challenge für mich).
Ich habe nicht nur Pflanzen kennengelernt, sondern auch gelernt, meine eigene Ungeduld zur Seite zu schieben.
Was ich heute anders mache/machen möchte – und was ich genauso wieder tun würde
Anders machen würde ich:
- Weniger spontan kaufen. Nicht jede Pflanze, die schön ist – oder günstig -, passt zu Standort, Boden und Zeit. Und nicht jede Sonderaktion muss bei uns im Garten wachsen. Hortensien beispielsweise, die im Frühjahr zuhauf verkauft werden, frieren gern kaputt, wenn sie vor den Eisheiligen rausgepflanzt werden. Und wo wir schon bei Hortensien sind:
- Heimische, insektenfreundliche Pflanzen bevorzugen und auf invasive Sorten verzichten. Klingt erstmal langweilig. Aber mir war wirklich lange nicht bewusst, dass Hortensien zwar schön sind, für die Insekten aber keinen großen Mehrwert bieten. Oder dass die wunderschönen Lupinen, die du meist für wenig Geld kaufen kannst, in der Regel invasiv sind und daher nicht unbedingt ausgesät und vermehrt werden sollten.
- Gezielter mulchen und kompostieren. Bodenaufbau ist auf Sand kein nettes Extra, sondern Grundlage.
Genauso wieder tun würde ich:
- Klein anfangen, statt auf „den perfekten Plan“ zu warten.
- Fehler machen und daraus lernen statt gar nicht anzufangen.
- Naturnähe nicht als Optik, sondern als Haltung sehen.
Naturnah gärtnern als Lernweg betrachten und nicht als fertiges Konzept
Beim Gärtnern ist der Weg das Ziel, wenn wir in platten Sprüchen sprechen wollen. Ich bin nicht als „Gartenmensch“ gestartet. Ich bin auf dem Weg dorthin. Schritt für Schritt, mit Sand an den Fingern, vertrockneten Pflanzen, Schmetterlingsmagneten und vielen Fragen zwischendurch.
Wenn ich heute in unseren Garten schaue, sehe ich statt eines perfekt gestalteten Insta-Gartens einen Lernweg mit kleinen, farbenfrohen Erfolgen.
Naturnah gärtnern ohne Vorwissen und mit wenig Zeit bedeutet für mich, dass unser Resthof-Garten kein Projekt zum „Abhaken“ ist, sondern ein Raum im Fluss. Der Garten wächst – und ich wachse mit ihm. Wissen entsteht, indem ich Dinge ausprobiere, statt nur darüber zu lesen.
- Marke: Kosmos
- Wildbunt: Naturnahe Gärten mit heimischen Pflanzen gestalten. Mit 20 Musterbeeten für echte Naturgärten
- Farbe: White
- Kern, Simone(Autor)
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