Ich fotografiere gern draußen – im Garten, am Wegesrand, auf dem Hof, im Wald. Und irgendwann ist mir aufgefallen: Meine besten Bilder entstehen, wenn ich wirklich hinschaue und wahrnehme. Achtsamkeit und Fotografie sind für mich deshalb ein gutes Team, weil beides dasselbe trainiert: Aufmerksamkeit. Nicht die große Kunst. Sondern das einfache, klare Hinsehen.
Das ist auch der Punkt, an dem Langsamkeit reinspielt. Natur ist nicht dafür gemacht, schnell konsumiert zu werden. Wenn ich durchs Beet gehe und nur „zack zack“ dokumentiere, sehe ich zwar viel, nehme aber wenig wahr. Wenn ich langsamer werde und mich bewusst fokussiere passiert das Gegenteil: Ich sehe weniger Motive, aber die dafür genauer. Und genau daraus werden am Ende Bilder, die nicht nach Zufall aussehen.
Meine Definition von Achtsamkeit
Achtsamkeit war für mich sehr lange ein Reizthema. Es wurde so gehyped auf Instagram und Co, plötzlich waren alle so achtsam, dass ich alles andere als achtsam sein wollte.
Aber am Ende musste ich einsehen: Auch ich brauche Achtsamkeit und auch ich will Achtsamkeit in meinem Leben. Weil es mir dann besser geht.
Achtsamkeit heißt für mich nicht Räucherstäbchen und auch nicht „immer ruhig bleiben“. Achtsamkeit ist für mich eher: Ich nehme bewusst wahr, was gerade da ist – in mir und um mich herum.
Gerade draußen in der Natur merke ich schnell, wie groß der Unterschied zwischen „ich bin draußen“ und „ich sehe wirklich was“ ist. Dann fällt mir auf: Wie das Licht auf den Boden fällt. Wie sich der Wind anfühlt. Welche Geräusche im Hintergrund laufen, die ich sonst überhöre.
Und genauso nehme ich innen wahr: Mein Atem ist flach, mein Kopf ist voll, ich bin gereizt – oder ich werde langsam ruhiger, ohne dass ich das extra erzwingen muss. Dieses bewusste Mitbekommen ist der Punkt, weil ich dadurch aus dem Autopiloten rauskomme. Achtsamkeit ist dieser kleine Abstand zwischen Reiz und Reaktion, in dem ich entscheiden kann: Laufe ich weiter wie gewohnt – oder werde ich kurz langsamer und bin wirklich da?
Achtsamkeit und Naturfotografie matchen auf verschiedenen Ebenen
Achtsamkeit heißt nicht, dass du meditierend im Moos sitzt (kannst du, musst du nicht). Für mich heißt es eher: Ich bleibe einen Moment länger stehen, nehme bewusst wahr, was ich sehe und achte auf Details. Dann erst fotografiere ich. Ich schaue also zuerst ohne Bildschirm und entscheide: Lohnt sich das Foto wirklich? Was ist hier so besonders, dass ich es festhalten möchte? Was berührt mich?
Wenn du oft das Gefühl hast:
- Ich bin draußen, aber mein Kopf rennt weiter,…
- Meine Bilder werden irgendwie nicht so, wie ich es sehe,…
- Ich hab tausend Fotos und finde keins richtig gut, …
…dann ist das genau dein Ansatz. Achtsamkeit ist hier kein großes Konzept. Es ist einfach eine Methode, damit du weniger rumeierst und mehr triffst.
Wenn ich achtsam durch den Garten oder über den Hof gehe, sehe ich andere Dinge. Nicht das große Ganze zuerst, sondern das Kleine am Rand. Abgeblätterte Farbe am Holz. Tau auf einem Blatt. Ein Schatten, der nur für ein paar Minuten genau so fällt. Fotografie wird dann nicht zum Sammeln von Motiven, sondern zum Verlängern des Moments. Ich bleibe stehen, schaue länger hin, atme ruhiger. Oft entsteht dabei gar kein Foto – und trotzdem hat sich etwas verändert.
Langsamkeit ist dabei kein Stilmittel, sondern Voraussetzung. Die Natur ist nicht laut. Sie drängt sich nicht auf. Wer sie fotografieren will, ohne sie zu übergehen, muss sich an ihr Tempo anpassen. Genau hier trifft sich Achtsamkeit mit Fotografie. Beide holen dich aus dem Autopiloten. Beide schärfen die Wahrnehmung. Und beide sind ehrlich genug, dir zu zeigen, wenn du gerade eigentlich woanders bist – im Kopf, in der To-do-Liste, im nächsten Bild.
Was ich besonders liebe: Fotografie verlangsamt auch im Nachhinein. Beim Durchsehen der Bilder kehre ich zurück in den Moment. Ich erinnere mich an den Geruch der Erde, an das Licht, an meine Stimmung. Das Foto ist dann kein Beweis, dass ich da war, sondern eine Erinnerung daran, wie es sich angefühlt hat.
Smartphone oder Kamera? Entscheidend ist nicht das Gerät
Ich nutze beides. Das Smartphone ist schnell und immer dabei. Die Kamera zwingt mich eher zur Ruhe, weil ich bewusster damit umgehe. Aber ehrlich: Das Wichtigste ist nicht die Technik, sondern dein Ablauf.
Mein einfacher Ablauf (egal womit): schauen, stehen bleiben, Bildaufbau, Foto. Wenn du direkt mit dem Display voran läufst, verpasst du oft die Hälfte – und fotografierst am Ende mehr, um das auszugleichen.
Warum Achtsamkeit (Natur-)fotografie bessere Fotos macht
Du siehst mehr, obwohl du weniger machst
Seit ich das so mache, habe ich weniger Dateien aber bessere Treffer.
Du wirst ruhiger – und das sieht man deinen Bildern an
Viele Naturfotos scheitern nicht an der Kamera, sondern an Hektik: wackelige Hand, schiefer Horizont, unruhiger Bildausschnitt und viel zu viele kleine Motive. Wenn ich aber gezielt einen Ausschnitt wähle, bewusst atme und mich kurz stabil hinstelle (beide Füße, Schultern locker), werden die Bilder automatisch klarer. Gerade mit dem Smartphone ist das Gold wert.
Kleiner Techniktipp: Nutz die Gitterlinien deines Handys um den schiefen Horizont zu vermeiden.
Du kommst aus dem “Perfekt”-Modus raus
Achtsamkeit hilft mir, die Details zu sehen: Rinde, Rost, Blattadern oder eine Lichtkante – diese kleinen Motive findest du überall und doch werden sie meistens übersehen. Genau hinschauen und wahrnehmen lohnt sich aber.

3 Übungen für achtsame Naturfotografie
Übung 1: Ein Motiv, fünf Varianten
Ziel der Übung sind ein ruhiger Blick und bessere Bildideen.
So mache ich es:
Ich suche mir ein einzelnes Motiv, beispielsweise ein Blatt, eine einzelne Blüte, eine Türstruktur, Moos auf Holz oder ein Spinnennetz. Dann mache ich fünf verschiedene Fotos – ohne den Ort zu wechseln:
- Nahaufnahme (Details)
- Halbnah (Motiv + etwas Umfeld)
- Von oben
- Auf Augenhöhe
- Mit bewusstem Hintergrund (ruhig vs. unruhig)
Smartphone-Tipp: Tippe aufs Motiv, damit Fokus und Belichtung sitzen.
Übung 2: 30 Sekunden ohne Foto
Ziel der Übung ist es den Fotoimpuls zu stoppen und genau hinzusehen.
So mache ich es:
Ich sehe ein Motiv, schnapp mit mein Handy – und mache erstmal eine Weile (z.B. 30 Sekunden) gar nichts. Ich schaue nur.
Fragen, die ich mir dabei stelle:
- Wo ist das Licht?
- Was stört im Hintergrund?
- Was ist mein eigentliches Motiv, Form, Farbe oder Struktur?
- Kann ich einen Schritt nach links/rechts machen, damit es ruhiger wird?
Danach mache ich genau ein Foto.
Übung 3: Nachsehen statt Aussortieren
Ziel der Übung ist es, bessere Fotos zu machen und Unstimmigkeiten zu erkennen.
Ich schau mir 10–20 Fotos auf meinem Handy an und beantworte mir drei Fragen – ohne sofort zu löschen:
- Warum habe ich das Bild gemacht, was hat mich daran angezogen?
- Was macht das Bild unruhig (wenn es unruhig ist) bzw. ruhig?
- Was würde ich beim nächsten Mal anders machen?
Du wirst bald merken, dass dein Blick klarer wird, weil du nicht nur fotografierst, sondern auch auswertest.
Typische Fehler (die fast jeder macht) – und einfache Gegenmittel
Fehler gehören zum Leben dazu. Immer und überall. Punkt. Ich mache auch ständig und in verschiedenen Bereichen Fehler. Auch beim Fotografieren, schließlich bin ich alles andere als ein Profi.
Bei den Fotos gibt es aber so „typische Fehler“ und Vermeidungsmöglichkeiten. Ein paar möchte ich dir hier nennen.
- Zu viel im Bild: Geh näher ran oder wähle einen ruhigeren Hintergrund.
- Schief und wackelig: Beide Füße fest, Ellbogen leicht an den Körper, Anspannung lösen, einmal ausatmen beim Auslösen.
- Sieht nicht aus wie in echt: Nicht die Farben überdrehen oder blitzen. Lieber Licht suchen (morgens/abends) oder Schatten nutzen.
- Keine Tiefe: Motiv vom Hintergrund trennen (Abstand), beim Smartphone kannst du auch den Portraitmodus testen.
Mini-Checkliste für deinen nächsten Spaziergang
- 1 Motiv auswählen
- 30 Sekunden nur schauen
- Hintergrund prüfen
- Eine Variante nah, eine mit Umgebung
- Ein Foto machen, kurz prüfen, weitergehen
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