Warum fühlen wir uns in manchen Räumen sofort wohl und in anderen seltsam eingeengt? Raumgestaltung ist weit mehr als nur Interior Design oder die Wahl der richtigen Wandfarbe. Es ist ein ständiger Dialog zwischen unserem inneren Raum und der physischen Umgebung. In diesem Beitrag schreibe ich darüber, warum Räume im Fluss sind, wie die Wohnpsychologie unseren Alltag beeinflusst und warum es sich lohnt, die Verbindung zwischen Innen und Außen neu zu betrachten
Der Name raum im fluss war keine strategische Marketingentscheidung von mir. Der Name ist einfach so entstanden aus dem was ist und was passte. Er beschreibt so wunderbar, womit ich mich lange schon auf ganz vielfältige Weise beschäftige: Räume. Was sie sind. Und was in ihnen passiert. Und was sie mit uns machen. Und was wir mit ihnen machen.
Klingt erstmal abstrakt. Ist es aber nicht. Wusstest du zum Beispiel, dass hohe Decken dein abstraktes Denken fördern sollen, während enge Räume dich fokussierter machen? Das liegt an der Embodied Cognition – der Theorie, dass unser Geist nicht im Kopf aufhört, sondern unseren Körper und den Raum um uns herum als ‚Hardware‘ nutzt. Darauf komm ich gleich noch ausführlicher zu sprechen.
Und falls dich das interessiert, möchte ich dich ermuntern, dir eine „philosophische Minute“ zu nehmen, ehe du die nächste Farbe für dein Wohnzimmer aussucht oder den Garten bearbeitest.
Die verschiedenen Ebenen des Begriffs Raum: vom Grundriss bis zum inneren Zustand
Wenn wir von Räumen sprechen, denken wir meistens intuitiv zuerst an Zimmer, Wohnungen, Grundrisse und Quadratmeter. Das ist der naheliegende Einstieg in das Raum-Thema – aber irgendwie auch der langweiligste. 😉
Räume sind vielschichtig. Ich stelle dir erst drei häufig genutzte Ebenen vor:
- Der physische Außenraum. Dein Garten. Die Natur, durch die du spazierst. Die Straße vor der Tür. Die Landschaft, in der du lebst. Alles, was dich von außen umgibt.
- Der physische Innenraum. Dein Zuhause. Deine vier Wände. Die Küche, in der du morgens Kaffee kochst und dein Wohnzimmer, in dem du dich ausruhst.
- Der innere Raum. Was in dir ist. Wie du dich fühlst. Dein Körper als Hülle und dein Innenraum ist alles, was darin stattfindet: Emotionen, Gedanken, Impulse, … Und gleichzeitig bekommt dieser Innenraum eine Art Außenraum, wenn wir davon sprechen, dass wir „Raum einnehmen“, indem wir präsent sind, indem wir als Persönlichkeit mit unseren inneren Werten wahrgenommen werden.
Und dann gibt es noch weitere Bedeutungen, die im Alltag gern übersehen werden:
| Raum-Art | Was er ist | Was er mit dir macht |
| Physischer Raum | Die harten Fakten (Wände, Maße) | Gibt dir Schutz oder schränkt dich ein. |
| Wahrnehmungsraum | Das, was du siehst und hörst. | Erzeugt Weite oder Enge in deinem Kopf. |
| Sozialer Raum | Das Geflecht zwischen dir und anderen. | Bestimmt, ob du dich zugehörig oder isoliert fühlst. |
| Mentaler Raum | Dein „innerer Raum“ für Gedanken. | Hier entsteht deine Kreativität und Ruhe. |
| Raum als Möglichkeit | Deine Möglichkeit zu Lernen und dich weiterzuentwickeln. | Zeigt dein Potenzial, deine Beweglichkeit oder die Option von Veränderung |
Raum ist gleichzeitig Ort, Zustand und Möglichkeit.
(Das ist eigentlich ziemlich viel für ein einziges Wort. Oder?)
Karo, raum im fluss
Wohnpsychologie & Phänomenologie: Wie Räume unsere Gefühle und Entscheidungen steuern
Jetzt wird es interessant. Denn die drei bzw. vier Ebenen, von denen ich eben sprach, bedingen sich gegenseitig.
Der Philosoph Maurice Merleau-Ponty wies darauf hin, dass wir die Welt nicht als distanzierte Beobachter wahrnehmen, sondern durch unseren Körper. Wir sind nicht im Raum – wir sind mit dem Raum. Und wie wir unsere Umgebung wahrnehmen ist nie objektiv, sondern immer subjektiv gefärbt davon, wie es uns geht.¹
Dieses Phänomen nennt sich Phänomenologie (tolle Wortkoppelung, oder? 😉 ). Und es erklärt, warum dasselbe Zimmer an einem schlechten Tag beengend wirkt und an einem guten Tag gemütlich. Warum manche Räume uns sofort entspannen, während uns andere Räume unruhig machen und stressen.
Der Umweltpsychologe Roger Ulrich zeigte in Studien, dass das Anschauen der Natur nachweislich Stresshormone senkt.² Der Raum draußen verändert den Raum drinnen. Wortwörtlich.
Lesetipp: Bewusstes Wahrnehmen in der Natur: Wie du über deine Sinne zu mehr Ruhe und Klarheit finden kannst
Raumgestaltung als Spiegel der Persönlichkeit: Was dein Zuhause über dich verrät
Aber das funktioniert auch andersherum. Unser innerer Zustand drückt sich in unseren äußeren Räumen aus.
Wenn du eher strukturiert denkst, richtest du deine Räume auch eher strukturiert ein. Wenn du kreativ bist, schafft häufig assoziative Räume, also Räume, die auf den ersten Blick ungeordnet wirken können, die aber deiner inneren Logik folgen. Möglicherweise stehen viele Dinge nebeneinander, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, die für dich aber zusammenpassen.
Vor allem wenn du in einer Übergangsphase steckst, hast oft ein Zuhause, das genau das zeigt: halb geräumt, halb neu, nichts richtig fertig. Und das meine ich jetzt nicht als (negative) Wertung, sondern als Beobachtung. Außerdem kenne ich das aus eigener Erfahrung, denn unser Resthof ist seit fünf Jahren unfertig und ehrlich gesagt empfinde ich mein Leben seitdem auch in einer Übergangsphase, in der sich sehr viel verändert und meine Identität nicht mehr die ist, die sie vor dem Kauf war.
Die Umweltpsychologie nutzt dafür den Begriff des Behavior Setting: Räume sind keine neutralen Hüllen, sondern sie strukturieren unser Verhalten.³ Wir gestalten Räume – Räume gestalten uns zurück.
Raum einnehmen: die Verbindung von Embodied Cognition und Präsenz
„Ich nehme wenig Raum ein“ – das klingt wie eine Aussage über Partys. Aber es zeigt sich oft auch im Zuhause. Wer gewohnt ist, zurückzutreten, findet sich oft in einer Wohnung wieder, in der andere den Großteil des sichtbaren Raums belegen, weil sie diesen einnehmen (zumindest, wenn gemeinsam gewohnt wird). Da steckt auch keine böse Absicht oder ähnliches dahinter. Bei uns zu Hause nehme ich mich zurück, ich nehme also wenig Raum ein, und akzeptiere, dass unser Sohn am liebsten bei uns spielt und deswegen unser Wohnzimmer wie ein zweites Kinderzimmer aussieht.
Die Embodied Cognition Forschung aus dem Bereich der Kognitionswissenschaft zeigt, dass Körperhaltung und Raumverhalten unseren inneren Zustand mitformen.⁴ Anstatt das Gehirn als isolierten Prozessor zu betrachten, der abstrakte Symbole verarbeitet (wie ein PC in einem Tower-Gehäuse), besagt die Embodied Cognition: Denken ist untrennbar mit unserem Körper und dessen Interaktion mit der Umwelt verbunden.
Die Grundthese von Embodied Cognition
Traditionell ging bzw. geht man von dieser Gliederung aus: Wahrnehmung → Denken → Handlung.
Die Embodied Cognition sagt hingegen: Wir nehmen Räume nicht nur mit den Augen wahr. Stattdessen „liest“ unser ganzer Körper den Raum mit unseren Sinnen. Ein enges Treppenhaus fühlt sich anders an als eine weite Wiese, weil unser Gehirn ständig berechnet, wie wir uns darin bewegen könnten (Sensomotorik). Raum ist also nichts, was „da draußen“ ist – Raum ist etwas, das wir mit unserem Körper erfahren.
Die „4E“-Kognition
In der Forschung wird das Embodied Cognition-Konzept häufig unter dem Begriff der 4E zusammengefasst. Dahinter steckt:
- Extended (Erweitert): Werkzeuge (wie Smartphones oder Notizbücher) sind funktionale Bestandteile unseres Denkprozesses.Wenn du eine komplexe Rechnung mit Stift und Papier löst, ist das Papier in diesem Moment ein Teil deines „kognitiven Systems“. Ohne das Papier könntest du die Aufgabe nicht lösen.
- Embodied (Verkörpert): Kognition findet nicht nur im Gehirn statt, sondern nutzt den gesamten Körper. Das heißt dein Gehirn „weiß“ Dinge, weil deine Muskeln und Nerven im Körper Feedback geben (z. B. das Gleichgewichtsgefühl).
- Embedded (Eingebettet): Wir denken innerhalb einer physischen und sozialen Umgebung, die uns entlastet. In meinem Studium habe ich gelernt, ich muss nicht alles wissen, ich muss nur wissen, wo es steht. Und genau das ist damit gemeint. Du musst nicht alles im Kopf behalten, weil die Welt um dich herum Informationen bereitstellt.
- Enacted (Vollzogen): Wissen entsteht durch aktives Handeln und Interaktion. Du lernst nicht durch passives Zusehen, sondern indem du die Welt „ertastest“ und veränderst. Erkenntnis ist damit ein Prozess des Handelns.
Wenn du dir auch körperlich Raum gibst, nimmst du Raum auch anders wahr. Wer das versteht, schaut anders auf seinen Garten oder die Frage, ob der Schreibtisch am richtigen Platz steht.
Falls du dich für Sensomotorik und Pferde interessierst, möchte ich dir von Herzen mein Buch empfehlen:
- Kardel, Karolina(Autor)
Dynamische Räume: Warum ein fertiges Zuhause eine Illusion ist
Räume sind nicht statisch. Sie verändern sich mit uns. Das betrifft Außenräume ebenso wie unsere Innenräume.
Unser Resthof zum Beispiel ist nie „fertig“. Zumindest nicht in absehbarer Zeit. Die Mauern sind schief, die Holzfenster klemmen. Doch genau das macht es doch aus. Denn auch wir sind nie fertig. Unsere Werte und Bedürfnisse verschieben sich. Raum – der innere wie der äußere – ist kein Endpunkt, sondern ein Prozess.
Heraklit sagte passend: Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.⁵ Räume sind im Fluss. Das ist kein Problem. Das ist der Punkt.
Ganzheitliche Raumwirkung: mehr als nur Ästhetik und Interior Design
Auf Instagram ist das Thema Raum fast ausschließlich ästhetisch besetzt. Wie sieht das Zuhause aus? Welche Farbe hat die Tapete im Schlafzimmer? Welcher Stil wird gelebt? Dies alles hat seine Berechtigung und auf Instagram auch seinen Platz. Aber es kratzt eben nur an der Oberfläche.
Denn hinter jedem Einrichtungsentscheid, hinter jeder Gartengestaltung, hinter jedem „Ich räum endlich mal auf“ oder „ich lass das jetzt einfach wachsen“ steckt eine tiefere Schicht: Eine Frage, wer man ist, was man braucht und wie man leben will.
Wenn ich über Räume schreibe, meine ich deshalb immer beides: das Sichtbare und das, was dahinterliegt. Die alte Tür und was sie in mir auslöst. Den Garten und warum ich dort ruhiger werde. Das Zimmer und was es über mich verrät, dass es so aussieht wie es aussieht.
Das ist das Projekt hier. Raum im Fluss ist kein Interior-Blog, kein Garten-Account und kein Achtsamkeits-Kanal. Stattdessen ist es mein Versuch, dies alles zusammenzudenken. Mich faszinieren die Wechselwirkungen zwischen uns und unserer Umgebung. Weil es zusammengehört.
Quellen & Hintergrund
¹ Merleau-Ponty, Maurice: Phénoménologie de la perception. Gallimard, Paris 1945. Dt.: Phänomenologie der Wahrnehmung. De Gruyter, Berlin 1966.
² Ulrich, Roger S.: View through a window may influence recovery from surgery. In: Science, 224(4647), 1984, S. 420–421.
³ Barker, Roger G.: Ecological Psychology. Concepts and Methods for Studying the Environment of Human Behavior. Stanford University Press, Stanford 1968.
⁴ Varela, Francisco J. / Thompson, Evan / Rosch, Eleanor: The Embodied Mind. Cognitive Science and Human Experience. MIT Press, Cambridge 1991. – Sowie: Lakoff, George / Johnson, Mark: Philosophy in the Flesh. The Embodied Mind and its Challenge to Western Thought. Basic Books, New York 1999.
⁵ Heraklit von Ephesos, Fragment DK 22 B 91 (sinngemäß überliefert bei Plutarch, De E apud Delphos). Ca. 500 v. Chr.
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