Es gibt Tage, da ist hier wirklich alles aufgeräumt. Keine Schuhe im Flur, keine Tassen auf dem Tisch, das Spielzeug ist weg. Und trotzdem merke ich: Ich werde innerlich trotzdem nicht ruhiger. Ich schaue einmal durch den Raum und mein Kopf findet sofort neue Dinge. Hundehaare auf dem Boden. Katzenhaare auf dem Stuhl. Feiner Schmutz, der von draußen reingetragen wurde. Und irgendwo diese eine unfertige Stelle, an der ich jedes Mal hängenbleibe, als würde sie mir zuflüstern: Du bist noch nicht fertig.
Versteh mich nicht falsch, wir räumen auf und machen sauber. Hier ist es zwar nie staubfrei, dennoch ist es ordentlich. Aber vielleicht kennst du meine innere Unruhe auch. Und nein, wir sind nicht „zu empfindlich“. Und auch nicht schlecht organisiert. Ordnung ist sichtbar. Ruhe ist spürbar. Und das sind zwei verschiedene Baustellen.
Ordnung ist sichtbar. Ruhe ist körperlich.
Ordnung bedeutet: Dinge sind an ihrem Platz. Das kann man herstellen, oft sogar ziemlich schnell.
Ruhe bedeutet: Mein Körper kommt runter. Mein Blick findet Halt. Der Raum fühlt sich nicht nach Daueraufmerksamkeit an.
Das kann auch dann fehlen, wenn alles ordentlich aussieht.
Besonders in einem Haushalt mit Kindern und Tieren, hinterlässt das Leben Spuren, die einfach immer da sind. Und in einem Haus, das immer unfertig ist, sowieso.
Warum mich Haare und Schmutz so schnell „anspringen“
Bei uns ist es sauber, der Haushalt hat aber keine Priorität. Das hat ganz praktische Gründe, denn neben der Arbeit, dem Kind, den Pferden und de normalen Terminen, die man eben wahrnehmen muss, ist die frei verfügbare Zeit sehr begrenzt. Ich muss sie aufteilen zwischen Hund, Garten, Haus und Haushalt. Und da hat der Haushalt einfach nicht den höchsten Stellenwert.
Aber Hunde- und Katzenhaare sind für mich ein Dauerreiz. Selbst wenn ich grad fertig bin mit staubsaugen, sind sie sofort wieder da. Nicht, weil ich versagt habe, sondern weil Tiere nun mal Haare verlieren. Immer. Jeden Tag.
Ähnlich ist es mit Schmutz von draußen. Ein Kind, das draußen spielt, bringt draußen mit rein. Ein Hund auch. Und ebenso mein Mann und ich, wenn wir draußen werkeln, im Garten arbeiten, die Pferde machen und zwischendrin was trinken möchten, aufs Klo müssen… Das ist nicht Unordnung, das ist Leben.
Dennoch fühlt es sich für mich an wie ein Kampf gegen Windmühlen, bei dem ich nur verlieren kann.
Und dann passiert das, was viele kennen. Ich räume nicht mehr auf, um Ordnung zu haben, sondern um meine innere Unruhe zu beruhigen. Das funktioniert vielleicht kurzfristig. Also manchmal. Langfristig erschöpft es aber ungemein.
Und dazu trägt nicht das tatsächliche Aufräumen bei, sondern der Fokus auf das, was mich so stört.
Um aus diesem Windmühlenkamp der Erschöpfung zu entfliehen, versuche ich mein Denken zu verändern:
Unsere Katze schläft auf der Bank im Esszimmer. Das ist gemütlich, das ist ihr Platz. Und gleichzeitig bedeutet es: Auf der Bank sind ganz viele Katzenhaare. Wenn ich innerlich erwarte, dass die Bank trotzdem „wie aus dem Katalog“ aussieht, verliere ich. Wenn ich aber entscheide, dass diese Bank ein Lebensort ist, verändert sich mein Anspruch (an mich) und damit meine Anspannung. Dann gelingt es mir, die Katze zu streicheln und dabei selbst zur Ruhe kommen.
Wenn dein Kopf trotzdem Alarm macht, liegt das oft an zwei Dingen. Erstens Sichtbarkeit. Manche Böden zeigen jedes Haar, jede Krume, jede Spur. Zweitens fehlende Übergänge. Wenn es keinen klaren Bereich gibt, in dem draußen zu drinnen werden darf, verteilt sich alles.
- Kondo, Marie(Autor)
- Kondo, Marie(Autor)
Unfertige Stellen sind nicht nur Optik. Sie sind mentale Tabs.
In alten Häusern und in Häusern, die sich entwickeln, gibt es fast immer Unfertiges. Eine Leiste, die noch fehlt. Eine Wand, die auf den nächsten Schritt wartet. Ein Raum, der „erst mal so“ ist. Das Problem ist selten die Stelle selbst. Das Problem ist, was sie mir innerlich signalisiert: offene Schleifen, noch eine Aufgabe, noch ein Punkt auf der Liste.
Hier hilft mir mittlerweile eine klare Einordnung. Ich betrachte nun zwei Arten von Unfertig:
- Bewusstes Provisorium. Das ist entschieden, akzeptiert und hat einen guten Grund. Es darf bleiben, ohne zu nerven.
- Verdrängte Baustelle. Das ist nicht entschieden. Es hängt im Raum und zieht Energie.
Wenn du mehr Ruhe willst, ist genau diese Unterscheidung Gold wert. Nicht alles muss sofort fertig werden. Aber es muss innerlich einen Status bekommen.
Unser Erdgeschoss beispielsweise ist so bewusstes Provisorium: Der Fußboden, der aktuell aus altem, hässlichen Laminat besteht, das zudem diverse Macken hat, muss noch gemacht werden. Damit einher geht aber, dass wir nicht wissen, wie es darunter aussieht. Außerdem sind die Wände unten seit Mitte der 80er mit Styropor gedämmt. Machen wir den Fußboden, macht es Sinn, auch die Wände neu mit Holzfasern zu dämmen. Und die Zimmertüren neu zu machen. Ach und wenn wir schon die Wände aufreißen, sollte auch die Elektrik mitgemacht werden.
Weil all dies sehr, sehr viel Geld und Zeit und Energie bedeutet, leben wir mit dem bewussten Provisorium Erdgeschoss und es geht mir (meistens) gut damit.
Eine verdrängte Baustelle dagegen ist unser Schrank im Bad, der im Grunde „nur“ eine Aussparung in der Dachschräge ist und seit zwei Jahren auf eine Tür wartet. Die Tür muss mein Mann bauen. Aber weil wir auch andere Dinge haben und diese Tür nicht sein Lieblingsprojekt ist, verdrängen wir es. Und immer wieder merke ich, wie es mich nervt und mir Energie zieht.
Mein Mann geht mit all dem wesentlich entspannter um. Vielleicht kennst du das auch: Du siehst Dinge, die „noch gemacht“ werden müssen, sofort. Dein Partner sieht: Es ist warm, es ist gemütlich, alles ist gut.
Das ist nicht Faulheit gegen Ordnungsliebe. Auch wenn ich das lange so empfunden habe. Oft sind es einfach unterschiedliche Reizschwellen und unterschiedliche Vorstellungen von Ordnung und von Gemütlichkeit.
Und das ist vollkommen okay! Hier gibt es kein gut und schlecht, richtig und falsch. Wir alle sind individuell. Wenn ihr euch gegenseitig überzeugen wollt, wird es oft nur anstrengend.
Was hier helfen kann sind Vereinbarungen. Zum Beispiel: Ein Bereich darf lebendig sein, weil dort Alltag stattfindet. Ein anderer Bereich wird bewusst ruhiger gehalten, als Rückzugsort. Nicht als Machtkampf, sondern als Aufteilung nach Bedürfnissen.

Was im Alltag helfen kann, damit mehr innere Ruhe entsteht
Ich gebe dir hier keine perfekten Systeme, sondern Dinge, die in einem Haushalt mit Kind, Tieren und Garten funktionieren können.
- Übergangszonen schaffen, damit Schmutz nicht das ganze Haus übernimmt Wenn du im Flur keinen Ort hast für Schuhe, Jacken, nasse Sachen, Hundeleine, Taschen, dann wird der Flur zur Streuzone. Hilfreich sind wenige, klare Lösungen: ein robuster Läufer, eine Schale oder Kiste für „draußen Zeug“, Haken auf Kindhöhe. Das muss nicht hübsch sein. Es muss funktionieren. Schönheit kommt später.
- Sichtreize reduzieren, statt ständig mehr aufzuräumen Viele Räume wirken unruhig, weil zu viel gleichzeitig im Blick ist. Offene Regale, viele kleine Deko-Objekte, Materialmix, unruhige Muster. Wenn du Ruhe suchst, sind zwei Maßnahmen oft wirksamer als jede Aufräumaktion: weniger offene Flächen und weniger Kleinteiliges auf Augenhöhe. Du musst nicht minimalistisch leben. Aber dein Blick braucht Pausen.
- Tierplätze ernst nehmen, statt sie täglich wegzudiskutieren Ein Hund braucht einen klaren Liegeplatz, der nicht ständig im Weg ist. Eine Katze sucht Wärme, Licht und Übersicht. Bei uns ist das die Bank im Esszimmer. Wenn das ihr Platz ist, dann ist das eine Entscheidung, keine Störung. Diese Erkenntnis entlastet, weil du aufhörst, gegen das Verhalten anzuräumen.
- Unfertiges beschriften, innerlich und praktisch Wenn dich eine unfertige Stelle stresst, gib ihr einen Status. Das kann ganz schlicht sein. „Das ist dieses Jahr nicht dran.“ Oder „Das ist bewusst provisorisch, weil wir erst Erfahrung sammeln wollen.“ Und wenn es verdrängt ist, gib ihm einen Mini-Nächsten-Schritt. Nicht „fertig machen“, sondern „Materialliste schreiben“ oder „ein Angebot anfragen“. Dadurch schließt du den mentalen Tab. Wir schreiben uns oft Jahresziele. Nicht alle erreichen wir aber mir hilft es, die offenen Baustellen zu dokumentieren und zu ordnen, um endlose Gedankenschleifen zu vermeiden.
- Gemütlichkeit definieren, ohne dass einer verliert Setz dich nicht hin und diskutiere über Ordnung im Allgemeinen. Das eskaliert fast immer. Sprich über Wirkung. Was brauchst du, damit dein Körper runterkommt? Was bedeutet gemütlich für deinen Mann? Was ist ihm wichtig? Dann macht es konkret. Zum Beispiel: Der Esstisch wird abends für 10 Minuten „frei gemacht“, weil das für dich Ruhe bringt. Dafür darf die Spielecke sichtbar bleiben, weil sie Alltag abbildet. Solche Deals sind realistischer als das große Ideal „immer ordentlich“.
- Ein kurzer Reset, der nicht in Perfektion kippt Wenn du wenig Energie hast, hilft ein Reset, der klein bleibt. Ich fange super gern an zu saugen. Und da reichen oft auch nur zwei Minuten an der Stelle, die mich am meisten triggert: unserem Flur. Nicht das ganze Haus. Danach geht es mir besser.
Das klingt banal, wirkt aber, weil es direkt an der Reizquelle ansetzt und die Selbstwirksamkeit stärkt. Zumindest bei mir.
Ruhe ist nicht die Abwesenheit von Leben. Ruhe ist das Gefühl von Tragfähigkeit.
Ein Zuhause mit Kindern und Tieren wird selten makellos und instagrammable sein. Es wird haarig, es wird dreckig, es wird zwischendrin unfertig sein. So ist das Leben halt. Und trotzdem kann es dich innerlich ruhiger machen.
Der Hebel ist hier nicht mehr Disziplin, sondern bessere Entscheidungen. Wo darf Leben sichtbar sein, ohne dass du innerlich gegen dich arbeitest? Welche Reize kannst du reduzieren, ohne dass du das Leben wegorganisierst?
Wenn du magst, nimm dir eine einzige Stelle vor. Nur eine. Den Flur. Den Esstisch. Das Sofa. Und entscheide dort: Soll das ein Vorzeige-Ort sein oder ein Lebens-Ort? Sobald du das ehrlich beantwortest, entsteht oft schon spürbar mehr Ruhe.
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