Insektenfreundliche Pflanzen Garten

Ein Garten voller Leben: Warum insektenfreundliche Pflanzen mehr sind als „nice to have“

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Als wir 2021 unseren Hof übernommen haben, war zwar Garten vorhanden, dieser war aber eher ungepflegt. Zwar konnte man erkennen, dass irgendwann mal begonnen wurde, mit einem Konzept vor Augen einen Garten anzulegen – es gab zum Beispiel Buchsbaumhecken – aber ansonsten gab es nicht viel und vor allem nicht viel bunt blühendes. Bei der Planung von mehr Farbe habe ich anfangs vor allem für mich geplant: Was sieht schön aus, was ist pflegeleicht, was wächst schnell? Mittlerweile hat sich mein Denken verändert. Inzwischen frage ich auch: Wer kann hier wohnen, fressen, überleben? Und deswegen möchte ich dir heute ein paar Tipps mitgeben, wie du deinen Garten mit den richtigen Pflanzen (noch) insektenfreundlicher machen kannst.

In Deutschland ist die Biomasse fliegender Insekten in rund 27 Jahren um mehr als 75 % zurückgegangen. Das zeigt eine Studie, die unter anderem der NABU zusammengefasst hat (Quelle). Bei den Tagfaltern sind es rund 30% innerhalb der vergangenen 30 Jahre – darüber liest du mehr in meinem Artikel zum Schmetterlingsgarten. Weniger Insekten heißt: weniger Bestäubung, weniger Vögel, weniger Vielfalt – und nicht nur weniger lebendiger Garten, sondern auch weniger Ernte.

Du und ich allein können die Welt nicht retten. Das ist klar. Aber trotzdem können wir Einzelpersonen etwas tun. Auf jedem Balkon, in jedem Reihenhausgarten und auf jedem Resthof kannst du etwas für Wildbienen, Schmetterlinge, Käfer und Co. tun. Und genau hier sind neben dem Verzicht auf Pestizide und Überwinterungsquartiere insektenfreundliche Pflanzen der wichtigste Hebel.

Was macht eine Pflanze insektenfreundlich?

Bei der Frage, ob eine Pflanze insektenfreundlich ist, gibt ein paar einfache Kriterien, an denen ich mich orientiere und die ich auch dir hier mitgeben möchte:

Ungefüllte Blüten statt Blütenbälle

Viele Zierpflanzen wurden so gezüchtet, dass sie möglichst „pompös“ aussehen. Sie begeistern uns Menschen mit ihren gefüllten Blüten: gefüllte Rosen, gefüllte Pfingstrosen, Ball-Hortensien und stark gefüllte Bauernhortensien, gefüllte Dahlien oder Japanische Zierkirschen mit Blütenbällen. Ja, auch ich liebe diese Blumen!

Doch so schön sie auch für uns Menschen sind, für unsere Insekten stellen sie ein großes Problem dar, denn die Staubblätter wurden zu Blütenblättern „umgezüchtet“. Gefüllte Blüten = viele Blütenblätter aber kaum noch Staubgefäße. Nektar wird hier oft gar nicht mehr oder nur minimal gebildet. Selbst wenn es noch etwas gibt – Insekten kommen kaum an die Mitte und damit an den Nektar heran.

Bei ungefüllten Blüten hingegen liegen Pollen und Nektar offen, die Staubgefäße sind gut sichtbar. Hier ist der Tisch gedeckt. Deswegen versuche ich mich nach Möglichkeit an folgende Regel zu halten:

Wenn ich die Staubgefäße nicht sehe, bleibt die Pflanze im Laden.

Wenn du die gefüllten Blüten liebst (ich verstehe das, manche Blumen sind wirklich schön), dann schenk ihnen einfach ungefüllte Nachbarn: Wildrosen, Lavendel, Tellerhortensien, ungefüllte Dahlien, Stauden mit offenen Blüten und dazwischen gern einjährige Sommerpflanzen wie Kornblumen, Mohn, Ringelblumen, Sommerastern, Kosmeen usw.

Heimische Pflanzen bevorzugen

Viele unserer heimischen Wildbienen und Schmetterlinge sind spezialisiert: Raupen fressen nur an bestimmten Pflanzen (Tagpfauenauge zum Beispiel Brennnesseln), Wildbienen sammeln Pollen nur an wenigen Pflanzenarten. Exoten aus Asien oder Amerika können sie oft schlicht nicht nutzen. Hier ein paar Beispiele für heimische Sträucher mit hoher Artenvielfalt: Salweide, Weißdorn, Schlehe – sie versorgen jeweils mehr als 130–200 Insektenarten mit Nahrung. Viele andere wie Hasel, Holunder, Hundsrose oder Liguster sind ebenfalls wichtige Futterbäume.

Tipp: Ich recherchiere Pflanzen gern in der Datenbank naturaDB und kann sie dir sehr ans Herz legen!

Pflanz eine Blühstaffel anstelle eines Blüh-Feuerwerks

Ein weiteres Problem für Insekten sind Blühlücken – Monate im Jahr, in denen kaum etwas blüht. Vielleicht kennst du das auch aus deinem Garten: Im Mai explodiert alles, ab August ist plötzlich Flaute.

Deswegen versuche ich in den Beeten gezielter Nektar- und Pollenquellen anzubieten, die idealerweise vom frühen Frühjahr bis in den späten Herbst da sind.

So könnte eine Blühstaffel beispielhaft aussehen:

  • Frühjahr: Schneeglöckchen, Traubenhyazinthen,(Wild-)Tulpen, Krokus, Lungenkraut, Löwenzahn
  • Sommer: Flockenblumen, Ringelblume, Kornblume, Duftnessel, Himbeere, Brombeere, Natternkopf, Oregano, Lavendel, Katzenminze
  • Herbst: Astern, Fetthenne, Kugeldistel, Storchschnabel, Echinacea, Malve

Sträucher, die Insekten lieben

Gerade Sträucher sind echte Multitalente. Sie bieten Blüten, Blätter, Früchte, Struktur und Schutz. Hier kommen ein paar, die ich im (Nord-)deutschen Garten absolut empfehlen kann.

Frühblühende Sträuche: Lebensrettend nach dem Winter

  • Kornelkirsche (Cornus mas). Frühblüher mit gelben Blüten, oft schon ab Februar/März. Liefert reichlich Pollen und Nektar für Wildbienen & Hummeln. Später essbare rote Früchte und Vögel.
  • Weiden wie Salweide (Salix caprea) oder andere. Eine der wichtigsten Frühjahrs-Trachtpflanzen, die von mehr als 200 Insektenarten genutzt werden. Weidenkätzchen sind für viele Insekten wie Tankstellen direkt nach dem Winter.

Heckenlieblinge für Blüten und Beeren das ganze Jahr

  • Schlehe (Prunus spinosa). März/April weiße Blüten, extrem wertvoll für Insekten. Später dunkle Früchte für Vögel.
  • Weißdorn (Crataegus monogyna/oxyacantha). Duftende Blüten für Wildbienen und Käfer, Hagebutten-ähnliche Früchte für Vögel. Ich selbst find Weißdorn wunderschön und kann ihn dir auch sehr für die Herbstdeko empfehlen!
  • Hundsrose / Heckenrose (Rosa canina). Schlichte, offene Blüten – Pollenbuffet im Frühsommer. Hagebutten für Vögel und die Ponys.
  • Schwarzer Holunder (Sambucus nigra). Die Blütendolden sind im Frühjahr voller Insekten, später bietet der Holunder den Vögeln reichlich Beeren. Toll auch für Holunderblütengelee und -sirup im Frühjahr und Holundermarmelade oder -sirup im Herbst. Bei den Pferden auf dem Trail wachsen gleich mehrere Holundersträucher, weil die Pferde nicht rangehen und sie ein natürlicher Mückenschutz sind.
  • Hasel (Corylus avellana). Früh blühende Kätzchen sind eine super Pollenquelle für Bienen. Darüber hinaus gibt’s Nüsse für Eichhörnchen, Mäuse, Vögel – und manchmal für uns. Außerdem lieben die Pferde Hasel als Knabberholz.

Bei uns wachsen viele dieser Sträucher als Mischhecke in zweiter Jahre vor oder in Kombination mit unserer Buchenhecke.

Beliebte aber problematische Pflanzen

In vielen Gärten lassen sich Klassiker finden, die man „schon immer gepflanzt hat“, die aber ökologisch fast nichts bringen. Einige haben wir auch in unserem Garten und sie haben mich so lang erfreut, bis ich mich näher damit beschäftigt habe.

Forsythie: Frühlingsgelb ohne Futter

Eigentlich liebe ich Forsythien. Für mich symbolisieren sie nämlich das Ende des Winters. Die leuchtend gelben Forsythien blühen genau dann, wenn Insekten im Frühjahr besonders dringend Nahrung brauchen. Aber die meisten handelsüblichen Forsythien-Sorten sind sterile Züchtungen. Sie bilden weder Nektar noch Pollen.

Für Bienen ist das wie eine Plastikblume: zieht an, bringt aber nichts. Mehrere Natur- und Umweltorganisationen raten deswegen explizit davon ab, Forsythien neu zu pflanzen. Besser: Kornelkirsche, Weiden oder Felsenbirne – die blühen genauso früh und helfen wirklich.

Auf unserem Hof bzw. auf unserem Grundstück wachsen sehr viele, große Forsythien. Wir werden sie in den nächsten Jahren aber nach und nach austauschen. Sie dienen uns allerdings häufig als Sichtschutz, den ich nicht einfach auf null setzen möchte. Ich habe die Büsche deswegen bereits um z.B. Sanddorn und Schneeball ersetzt und in unmittelbarer Nachbarschaft wachsen Hasel, Holunder und verschiedene Obstbäume.

Kirschlorbeer: Immergrün mit Nebenwirkungen

Kirschlorbeer (Prunus laurocerasus) ist der Standard-Sichtschutz in vielen Neubaugebieten – unser vorheriges Haus war damit ebenfalls umgeben. Kirschlorbeer ist aber nicht gut, er stammt nicht aus Mitteleuropa und ist als potenziell invasive Art gelistet. Er verdrängt heimische Sträucher, die viel mehr Insekten und Vögeln dienen. Seine Blätter und Samen sind giftig und viele Tiere meiden ihn.

Auch hier standen ein paar wenige Kirschlorbeer-Büsche, die wir alle ausgebuddelt haben.

Balkonklassiker: Geranien & Begonien

Wir haben zwar keinen Balkon aber du vielleicht und deswegen möchte ich auch was zu Balkonpflanzen sagen: Geranien und viele Begonien-Sorten sind typische Balkonpflanzen, haben aber leider nur ein sehr geringes Nektar- und Pollenangebot, teilweise fast null. Ich kann dir hierzu tolle Pflanzalternativen nennen, die alle bei uns wachsen:

  • Duftende Kräuter (Thymian, Oregano, Salbei, Minze)
  • Katzenminze
  • Lavendel
  • Kapuzinerkresse
  • Ringelblumen
  • Kornblumen
  • Kosmeen

Das sieht nicht nur lebendiger aus – es brummt auch deutlich mehr.

Tauschliste: Pflanzen, die du konkret ersetzen kannst

Wenn du nun denkst, dass du vermutlich doch einiges im Garten hast, was nicht so richtig insektenfreundlich ist, möchte ich dir hier eine kleine praktische Tauschliste an die Hand geben.

  • Forsythien-Strauch → Kornelkirsche / Felsenbirne / Salweide. Gleiche oder frühere Blütezeit, ähnliche Optik (gelb bzw. frühblühend), aber mit echtem Nektar- und Pollenangebot.
  • Kirschlorbeer-Hecke → Liguster / Hainbuche / Mischhecke aus Schlehe, Weißdorn, Heckenrose. Mehr Struktur, mehr Leben, mehr Vögel. Wir haben eine Buchenhecke und ich sag dir, die ist wunderschön in der Herbstfärbung.
  • Gefüllte Rosen → Wildrosen / einfachblühende Strauch- oder Ramblerrosen. Optisch immer noch schön, ökologisch aber Welten besser. Und Hagebutten gibt’s inklusive.
  • Ball-Hortensie → Tellerhortensie / Rispenhortensie. Tellerblüten bieten Insekten Zugang zum Nektar, die Rispenblüten ebenfalls.
  • Geranien im Balkonkasten → Lavendel / Thymian / Katzenminze / Salbei / Kapuzinerkresse. Duften, sind essbar (teilweise) und magnetisch für Bienen & Hummeln.
  • Sterile Sommerblumenmischung → Wildblumenmischung mit heimischen Arten. Achte auf Mischungen, die explizit heimische Wildpflanzen enthalten, nicht nur bunte Züchtungen.

Einkaufsliste für insektenfreundliche Gartenpflanzen

Hier eine konkrete Einkaufsliste, mit der du Schritt für Schritt starten kannst – egal, ob du einen großen Garten oder nur ein paar Beete und Kästen hast. Ich denke hier an ein Klima wie in Niedersachsen mit eher sandigen Böden.

Bonustipp: Kein Gift, wenig Perfektionismus

Klingt banal, ist aber entscheidend: Ich verwende keine Insektizide und auch keine „Unkrautvernichter“. Und würde auch dir davon abraten, denn sie treffen immer auch Nützlinge.

Laub, vertrocknete Stängel und Totholz wird hier nicht sofort weggeräumt bzw. gezielt gelagert – altes Holz kommt auf die Totholzhecke, Blätter werden zu einem Laubhaufen als Winterquartier für Igel und Co. Larven und Puppen überwintern genau dort, wo es „unaufgeräumt“ aussieht.

Seit ich im Herbst nicht mehr alles „sauber“ mache, finde ich im Frühjahr deutlich mehr Wildbienen und Schmetterlinge. Das ist keine Romantik, das ist schlicht Lebensraum.

Fazit: Insektenfreundlich gärtnern als Gegenentwurf zur sterilen Grünfläche

Jeder Quadratmeter, den wir insektenfreundlich umgestalten, ist ein kleiner Gegenentwurf zur sterilen, gepflegten, aber leblosen Grünfläche. Und irgendwann ist der Garten nicht nur hübsch – sondern er summt zurück.

Lesetipp: Hier schreib ich konkret über einen Schmetterlingsgarten, schau mal rein und hol dir weitere Inspirationen.

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