Co-Regulation in der Natur

Co-Regulation in der Natur: Was Tiere und Pflanzen mit unserem Nervensystem machen

Einer meiner Lieblingsplätze bei uns auf dem Resthof ist der Eingang zum Offenstall mit Blick Richtung Westen auf den Paddocktrail und die Wiesen. Dort sitze ich total gern mit einer Tasse Kaffee, einem Tee oder einem kalten Getränk, während die Pferde ihr Heu fressen oder einfach bei mir stehen. Meistens schleicht sich auch unsere Katze irgendwann dazu. Und wenn ich dort sitze, lässt nach kurzer Zeit irgendwas in mir los. Was da passiert, hat einen Namen: Co-Regulation. Und darum soll es in diesem Beitrag gehen.

Was Co-Regulation bedeutet

Co-Regulation ist ein Begriff aus der Neurobiologie und beschreibt, vereinfacht gesagt, den Vorgang, bei dem ein Nervensystem ein anderes reguliert. Das klingt abstrakt aber das ist es nicht. Wir Menschen sind nicht darauf ausgelegt, uns alleine zu beruhigen. Wir sind Rudeltiere. Wie viele andere Säugetiere auch. Unser Nervensystem sucht permanent nach Signalen aus der Umwelt, die ihm sagen: Hier bist du sicher. Hier kannst du runterschalten.

Und das beginnt direkt mit der Geburt: Wurden Babys früher allein in ihren Betten schreien gelassen, weiß man heute, dass diese Situation Todesangst auslösen kann. Bis kleine Kinder verstehen, dass Mama zurückkommt, wenn sie weggeht, dauert es oft bis zum Spracherwerb. Hierzu kann ich dir von Herzen das Buch „artgerecht“ von Nicola Schmidt empfehlen. Es hat mir noch vor der Geburt unseres Sohnes so vieles bestätigt, was ich unter anderem in Bezug auf die Pferde lange schon gefühlt und gelebt habe.

artgerecht - Das andere Babybuch: Natürliche Bedürfnisse stillen. Gesunde Entwicklung fördern. Naturnah erziehen - Aktualisierte und erweiterte Neuausgabe ("artgerecht" von Nicola Schmidt, Band 1)
  • Kösel-Verlag
  • artgerecht - Das andere Babybuch: Natürliche Bedürfnisse stillen. Gesunde Entwicklung fördern. Naturnah erziehen - Aktualisierte und erweiterte Neuausgabe
  • ABIS-BUCH
  • Silber
  • Schmidt, Nicola(Autor)

Zurück zu uns Erwachsenen, den Tieren und der Natur. 🙂 Der Psychiater und Neurowissenschaftler Stephen Porges hat die Co-Regulierung mit seiner Polyvagaltheorie (1994) beschrieben. Die Theorie, die in Teilen wissenschaftlich umstritten ist, beschreibt, wie unser autonomes Nervensystem hierarchisch in drei Zustände wechselt: sozialer Verbundenheit (Sicherheit), Kampf oder Flucht (Gefahr) und Erstarrung (Lebensgefahr). Für den Zustand der Sicherheit braucht unser System laut Porges nicht zwingend einen Menschen. Es braucht Signale von Sicherheit – und die können aus sehr verschiedenen Quellen kommen.

Grundsätzlich ist es so, dass unser Gehirn die Aufgabe hat, unser Überleben zu sichern. Es strebt also immer nach Sicherheit. Und zu erkennen, wie sicher es ist, nutzt es die Informationen unseres Nervensystems – darüber schreibe ich ausführlicher in meinem Beitrag Unsere Sinne: Warum Wahrnehmung die Grundlage von Orientierung, Sicherheit und innerer Ruhe ist

Umweltreize werden ebenso wahrgenommen und bewertet wie das Verhalten anderer Wesen. Co-Regulierung ist der Prozess, bei dem sich zwei oder mehr Wesen aufeinander ausrichten und Signale der Sicherheit miteinander austauschen. Unser vegetatives Nervensystem steht hierbei in enger Verbindung mit dem anderer Säugetiere.

Klingt abstrakt, bedeutet im Alltag ganz praktisch: Mein Nervensystem nimmt die Information auf, dass mein Hund hinter mir entspannt ist und tief und regelmäßig atmet. Oder dass meine Ponys ruhig fressen. Auch das langsame Rascheln der Blätter im alten Holunderbaum am Stall – ist eine Information, die wahrgenommen wird. Ebenso das Zwitschern der Vögel. Mein Gehirn weiß also: Hier ist alles okay.

Tiere sind lebendige Beruhigungsmittel

Wer Tiere hält, weiß intuitiv, wie sehr sie uns beruhigen können. Aber dass das nicht nur subjektives Wahrnehmen ist, sondern dass dahinter echte Physiologie steckt, macht dieses Phänomen besonders spannend.

Wenn wir uns in Gesellschaft ruhiger Tiere aufhalten – und das müssen keine Haustiere sein, auch Vögel, Rehe, Eichhörnchen funktionieren – reagiert unser Körper: die Herzfrequenz sinkt, der Atemrhythmus verlangsamt und vertieft sich, die parasympathische Aktivität nimmt zu. All das sind Veränderungen im vegetativen Nervensystem, die sich messen lassen.

Tiere wiederum sind sehr fein kalibrierte Seismografen für Sicherheit und Gefahr. Fressen Pferde, die ja Fluchttiere sind, entspannt und rhythmisch, ist das – evolutionär gesehen – ein ziemlich verlässliches Signal, dass keinerlei Gefahr besteht. Und unser Nervensystem, das diese Informationen über sämtliche Sinneskanäle aufnimmt (Geräusche, Bewegung, Geruch), verarbeitet genau das – und zwar unterhalb der Bewusstseinsschwelle, das heißt ohne Umweg über den Verstand.

Porges nennt diesen Prozess Neurozeption – das unbewusste Scannen auf Sicherheit, Gefahr oder Bedrohung von außen und innen durch unser autonomes Nervensystem. Es passiert ständig, ob wir wollen oder nicht. Und was für uns besonders toll ist:

Wir können die Umgebung bewusst so gestalten, dass sie unserem Nervensystem Sicherheitssignale schickt.

Und die Pflanzen? Was machen die?

Jetzt wird es spannend – und ein bisschen kontroverser.

Pflanzen haben kein Nervensystem. Das ist wissenschaftlicher Konsens. Pflanzen besitzen kein zentrales Nervensystem und keine Schmerzrezeptoren.

Und trotzdem ist die Geschichte nicht zu Ende. Denn Pflanzen kommunizieren auch: biochemisch, elektrisch und in einem Ausmaß, das Forschende noch vor wenigen Jahrzehnten nicht für möglich gehalten hätten. Botaniker um Simon Gilroy von der University of Wisconsin konnten zeigen, dass bei Verletzung eines Blatts ein elektrisches Signal entsteht, das sich mit einer Geschwindigkeit von einem Millimeter pro Sekunde ausbreitet und nach etwa zwei Minuten alle Pflanzenteile erreicht. An der Verletzungsstelle reichert sich die Aminosäure Glutamat an – dieselbe Aminosäure, die im tierischen Nervensystem als erregender Neurotransmitter fungiert.

Pflanzen senden also auch Signale. Sie warnen einander via Duftstoffe, wenn Schädlinge kommen. Sie kommunizieren über Wurzelnetze. Sie reagieren auf Licht, Berührung, Verletzung.

Für uns und unser Nervensystem bedeutet das: Wenn wir uns im Garten, im Wald oder auf einer Wiese aufhalten, sind wir von einem biochemisch aktiven Kommunikationsnetz umgeben und nehmen diese Signale auf – zum Beispiel über die Chemorezeptoren unseres Körpers die Haut.

Hierbei handelt es sich zwar nicht um Co-Regulation im Sinne von Porges Neurozeption aber dennoch handelt es sich um einen Regulierungsmechanismus, der messbar ist.

Phytonzide: wenn der Wald aktiv reguliert

Der direkteste Kanal zwischen Pflanzenwelt und Nervensystem sind die sogenannten Phytonzide – flüchtige organische Verbindungen, die vor allem Nadelbäume abgeben, um sich gegen Pilze, Bakterien und Insekten zu schützen.

Wenn wir sie einatmen, verringert sich das Stresshormon Cortisol, unsere Herzfrequenzvariabilität (ein Zeichen von Resilienz) verbessert sich und die Aktivität des präfrontalen Kortex sinkt – jener Hirnregion, die für das Grübeln, Planen und Kontrollieren zuständig ist.

Dieses Phänomen wird und wurde von Yoshifumi Miyazaki, Professor an der Universität Chiba in Japan, seit den 1990er Jahren im Zusammenhang mit dem sogenannten Waldbaden (Shinrin Yoku) erforscht. Seine Studien zeigen, dass gemütliche Waldspaziergänge im Vergleich zu Stadtspaziergängen einen Rückgang des Stresshormons Cortisol um 12,4 Prozent bewirken. Eine Metaanalyse der Universitätskliniken Parma bestätigt: Die Cortisolspiegel im Speichel waren in Waldgruppen signifikant niedriger als in städtischen Gruppen – sowohl vor als auch nach der Intervention.

Und: Schon ein Aufenthalt von zwanzig Minuten im Wald lässt die Werte für die Stresshormone Cortisol, Noradrenalin und Adrenalin sinken. Zwanzig Minuten. Das ist wirklich nicht viel.

Warum ein alter Resthof anders wirkt als ein Stadtpark

Ich muss ehrlich sein: Ich lebe in einer Blase, die für das Nervensystem vermutlich außerordentlich günstig ist. Wir wohnen inmitten von Feldern, haben nur an einer Seite des großen Grundstücks Nachbarn, sind inmitten alter Bäume, umgeben von Haus- und Wildtieren, unebenen Böden und einer Stille, die sich wirklich nach Stille anfühlt. Ohne permanentes Hintergrundrauschen von Verkehr.

Das macht einen Unterschied – nicht weil der Stadtpark nichts taugt (auch dort finden sich Studien mit positiven Effekten), sondern weil Vielfalt, Lautstärkenreduktion und die Präsenz von Tieren zusammenkommen. Und wenn ich mit meinem Tee im Stalleingang sitze, während meine Pferde ihr Heu fressen, die Vögel zwitschern und Kater Bruno sich putzt, merkt mein Gehirn: Alles ist gut.

Ein paar ehrliche Worte als Ergänzung

Ich schreibe hier sehr begeistert über Co-Regulation durch Natur. Aber ich möchte dir gegenüber auch ehrlich sein.

Co-Regulation ist kein Allheilmittel. Wenn dein Nervensystem (chronisch) dysreguliert ist – durch Trauma, anhaltenden Stress, Schlafmangel – braucht es viel, viel mehr als einen Spaziergang durch die Natur oder einen Tee bei den Pferden.

Aus eigener Erfahrung kann ich dir sagen, dass es oft nicht ohne professionelle Unterstützung, strukturierte Selbstfürsorge und menschliche Beziehungen geht. Bei mir war es ein sehr, sehr langer Prozess, bis ich dies verstanden habe. Und trotz professioneller Hilfe, medikamentöser Unterstützung und einer Fortbildung als Trainerin für Entspannung habe ich nach wie vor sehr oft viel Stress und ein dysreguliertes Nervensystem.

Aber nichtsdestotrotz sind Tiere und Natur eine niedrigschwellige, kostenlose und erstaunlich verlässliche Co-Regulationsquelle. Sie fragt nichts. Sie bewertet nichts. Sie ist einfach da.

Was du konkret ausprobieren kannst

Du brauchst keinen Resthof. Du brauchst auch keinen Wald. Aber du brauchst ein bisschen Aufmerksamkeit für das, was ohnehin passiert – und für das, was dein Nervensystem dabei tut.

  1. Bewusstes Tier-Beobachten. Schau einem Tier zu, das entspannt ist. Hunde, Katzen, Vögel am Futterhäuschen. Halte inne, atme und nimm wahr, was in deinem Körper passiert.
  2. Zwanzig Minuten Waldspaziergang ohne Handy. Mach einen langsamen Waldspaziergang und nimmt wahr: Geräusche, Gerüche, Texturen. Das ist Shinrin Yoku in seiner einfachsten Form.
  3. Morgenminuten im Grünen. Trink deinen Kaffee (oder Tee, Matchalatte, Wasser, …) draußen. Auch wenn es nur zehn Minuten sind. Dein Tag wird wesentlich entspannter starten.

Und ein kleiner Bonustipp: Wenn du ein Pferd hast, das entspannt frisst, oder einen Hund, der tief schläft – dann setz dich dazu. Ohne Handy, ohne Serie, einfach nur du. Und dann nimm wahr. Dein Nervensystem wird wissen, was es damit anfangen soll.

Hast du auch das Gefühl, dass dich Tiere oder bestimmte Orte in der Natur merklich beruhigen – ohne dass du etwas dafür tun musst? Ich freue mich über deine Geschichte in den Kommentaren.

Quellen & weiterführende Lektüre:

  • Porges, S. W. (1994/2022): Polyvagal Theory: A Science of Safety. Polyvagal Institute.
  • Toyota, M. et al. (2018): Glutamate triggers long-distance, calcium-based plant defense signaling. Science, 361(6407).
  • Miyazaki, Y. (laufende Forschung ab 1990): Waldbaden und Stressreduktion, Universität Chiba, Japan.
  • Antonelli, M., Barbieri, G. & Donelli, D. (2019): Effects of forest bathing (shinrin-yoku) on levels of cortisol as a stress biomarker: a systematic review and meta-analysis. International Journal of Biometeorology, 63(9).
  • Li, Q. (2018): Forest Bathing – How Trees Can Help You Find Health and Happiness. Viking.
  • Pflanzenforschung.de (2019): Pflanzlicher Signalweg ähnelt tierischem Nervensystem – www.pflanzenforschung.de

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